Impfen oder nicht?
Die Angst der Eltern vor einem «falschen» Entscheid wiegt oft schwerer als die Furcht vor den Krankheiten, gegen welche die Impfungen schützen. Warum eigentlich?
Als in den 1950er-Jahren in der Schweiz Impfungen gegen häufige Infektionskrankheiten eingeführt wurden, war der Erfolg enorm. Die Zustimmung der Bevölkerung ebenfalls: Endlich konnte man sich beispielsweise gegen das Polio-Virus schützen, das die gefürchtete «Kinderlähmung » auslöste. Pocken, eine Geissel der Menschheit, wurden ausgerottet. Die Diphtherie, eine oft lebensbedrohliche Atemwegserkrankung, verlor ebenso ihren Schrecken wie Starrkrampf oder Keuchhusten. Und die schweren Fälle der Kinderkrankheiten Masern, Mumps und Röteln wurden selten, als 1971 der erste MMR-Impfstoff zugelassen wurde.
40 Jahre später sind die Impfstoffe generell sehr viel besser geworden – doch das Impfen an sich erlebt bei weitem nicht den selben Zuspruch wie in den Anfängen. Im Gegenteil: Das Thema löst heftige Emotionen aus, es polarisiert. Um die Frage «Impfen oder nicht Impfen?» tobt insbesondere bei Eltern ein Glaubenskrieg, und dies seit Jahren. «Wer sich dezidiert für Impfungen ausspricht, wird schnell einmal als Steigbügelhalter der Pharmaindustrie abgestempelt, kritisch eingestellte Menschen finden sich in der pauschalisierten Ecke der ‹Impfgegner› wieder», stellt Franziska Toresch- Schnyder, Präsidentin des Konsumentenforums, in einer kürzlich erschienenen Impfbroschüre fest.
Auch das Impfdebakel rund um die Schweinegrippe trug nicht dazu bei, das Thema zu versachlichen. Ebenso wenig der Skandal um den Mediziner Andrew Wakefield, der 1998 behauptete, die MMR-Impfung könne Autismus verursachen. Jahre später wurde bekannt, dass Wakefield seine Resultate aus finanziellen Interessen bewusst gefälscht hatte. Doch inzwischen ist ein neues Schreckgespenst aufgetaucht: Die im Jahr 2000 auf den Markt gebrachte Sechsfachimpfung gegen Kinderkrankheiten (zum Schutz gegen Diphtherie, Keuchhusten, Wundstarrkrampf, Kinderlähmung, Hepatitis B und Hib-Bakterien) wurde mit dem plötzlichen Kindstod in Verbindung gebracht. Jetzt gibt es Entwarnung: Eine im April 2011 erschienene Studie des deutschen Robert-Koch-Instituts fand keinen Zusammenhang zwischen der Kombi-Impfung und den Todesfällen.
Trotzdem: Eltern sind in der Impffrage tief verunsichert und verwirrt. Und bevor sie sich entscheiden, fragen sie sich: Hat der Impfplan des Bundesamts für Gesundheit auch wirklich Hand und Fuss? Wie unabhängig sind eigentlich die Experten der Eidgenössischen Kommission für Impffragen EKIF? Braucht meine Tochter die neue Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs, und stimmt es, dass sie ziemlich überstürzt eingeführt wurde, wie man so hört? Fragen über Fragen, die viele überfordern und die öffentlich mit geradezu religiösem Eifer debattiert werden. «Die Folgen sind manchmal absurd», schreibt die Journalistin Andrea Schafroth in dem gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Peter Schneider verfassten Erziehungsratgeber «Cool Down» (Zytglogge 2010): «Eltern überlegen sich dreimal, ob sie ihr Kind gegen Masern impfen sollen, zögern aber keinen Augenblick, ihm die ‹Zeckenimpfung› verabreichen zu lassen, auch wenn es im Wald ihrer Region bisher keine Fälle der Zeckenenzephalitis gab.»
Wie kommt es, dass hierzulande, je nach Impfung, bis zu 15 Prozent der Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen? Was sind die Gründe für die Jahr für Jahr immer heftiger geführte Debatte? «Der wahrscheinlich wichtigste Grund ist, dass die Krankheiten, gegen welche die Impfungen vorbeugen, aus dem Alltag verschwunden sind», sagt der Immunologe Hans Binz, langjähriger Solothurner Kantonsarzt und Vizepräsident der EKIF. Mit seinen 66 Altersjahren erinnert sich Hans Binz noch daran, wie in den 1950er-Jahren die Kinderlähmung grassierte. «Im Sommer brach die Epidemie aus, und meine Mutter sagte jeweils: ‹Du gehst mir nicht in die Aare, es ist Polio-Zeit!›», erzählt der Arzt. Das war vor knapp 60 Jahren – in unserer Wahrnehmung sind es Äonen.
Keuchhusten? Was ist das?
Dabei kam das Polio-Virus früher praktisch überall vor, besonders im Abwasser. Kleine Kinder steckten sich fast alle damit an. Entweder starben sie an der Infektion, oder sie waren für den Rest ihres Lebens immun. Deshalb bemerkte man die Krankheit kaum. Als die Hygiene besser wurde, erkrankten die Leute später – auch als Erwachsene. So kam es zu den gefürchteten Epidemien. Bis zu 2000 Fälle jährlich wurden damals gezählt, bevor 1962 in Europa die Schluckimpfung eingeführt und die Krankheit innerhalb weniger Jahre zurückgedrängt wurde. Folglich sah man immer weniger Kinder, die als Folge der Kinderlähmung an Krücken gingen oder deformierte Gliedmassen hatten. Ähnlich wie Polio verschwanden mit dem Aufkommen von Impfprogrammen und -obligatorien auch andere Krankheitsbilder. Wer kennt noch den Verlauf von Wundstarrkrampf? Wer weiss, wie sich Keuchhusten anhört, und was ist eigentlich Diphtherie? Was ist der Unterschied zwischen Masern und Röteln? Wir wissen es nicht mehr. «Mit dem Impfen verhält es sich ähnlich, wie wenn man ein Boot, das ein Loch im Rumpf hat, durch ständiges Wasserschöpfen allmählich trocken bekommt», sagt Pal Johansen von der Universität Zürich, der sich wissenschaftlich mit dem Impfen auseinandergesetzt hat: «Irgendwann vergisst man, dass da ein Loch ist und dass wieder Wasser eindringen wird.»Als weitere Ursache für die Impfskepsis sehen Risikoforscher die allgemeine Tendenz des Menschen, Risiken irrational zu bewerten. Hier kommen die von den Impfgegnern immer wieder ins Feld geführten Nebenwirkungen von Schutzimpfungen ins Spiel. Rein objektiv ist die Risikoabwägung einfach, wie das Konsumentenforum vorrechnet: Bei allen in der Schweiz empfohlenen Impfungen sind Impfreaktionen – Schwellung, Rötung und Schmerz an der Einstichstelle, aber auch Fieber und Ausschlag am ganzen Körper – rund 1000-mal seltener als eine schwere Erkrankung oder gar Komplikation bei natürlicher Erkrankung ohne Impfung. Am Beispiel der Masernerkrankung: Es ist 1000- mal wahrscheinlicher, dass mein Kind als Folge von Masern an einer Gehirnentzündung erkrankt, als dass es eine schwere Nebenwirkung der Schutzimpfung davonträgt. Fachleute schätzen, dass es ohne Masernimpfung in der Schweiz jedes Jahr zu 40 bis 70 Gehirnentzündungen und 15 bis 40 Todesfällen kommen würde, während schwere Nebenwirkungen der MMR-Impfung «extrem selten» sind (< 1/Million).
Freiwillig? Oder doch nicht?
Doch wir entscheiden selten auf solch «leidenschaftslose » Weise, wie Peter Schneider erläutert. Risiken werden nicht proportional zu ihrer Grösse wahrgenommen. «Wem gelingt es schon, gelassen und durch statistische Erwägungen beruhigt in den Flieger zu steigen, wenn er kurz vor dem Einchecken noch in den Nachrichten gehört hat, dass nur eine Stunde zuvor 250 Menschen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen », schreibt der Psychoanalytiker. In einem solchen Moment bedenke man kaum, dass man sich statistisch grösserer Gefahr aussetze, wenn man nun, statt zu fliegen, mit dem Auto ans Ziel fahre. Ein ähnlicher Mechanismus spielt beim Impfen: Ein einziger Fall einer schweren Impfreaktion kann unter Umständen ausreichen, das Vertrauen von Eltern in die schützende Wirkung von Impfungen zu erschüttern. Wir achten im Allgemeinen stärker auf negative Reaktionen als auf positive Reaktionen, argumentiert der Psychologe Michael Siegrist, Professor für Consumer Behavior an der ETH Zürich. Und: «Positive Zuschreibungen sind schwierig zu erreichen, aber einfach zu verlieren. Negative Zuschreibungen sind einfach zu erreichen, aber schwierig zu verlieren.»Impfskepsis hat auch kulturelle bzw. ideologische Hintergründe, etwa bei den Anhängern der Anthroposophie. Diese argumentieren, eine Impfung sei ein unzulässiger Eingriff in die Natur, weil sie das menschliche Immunsystem an seiner natürlichen Entwicklung hindere. Kinderkrankheiten werden nach der Lehre von Rudolf Steiner positiv bewertet. «Masern und Mumps sind Entwicklungskrankheiten, die aus der Menschenkunde der Anthroposophie heraus verstanden werden können», sagt Bernhard Wingeier, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an der Ita Wegman Klinik in Arlesheim BL. Richtig begleitet, seien diese Krankheiten «sinnvoll». Allerdings räumt auch Wingeier ein, dass Masern ein Komplikationsrisiko hätten, vor allem bei ganz kleinen Kindern und ab Pubertät. «Darum müssen potentieller Nutzen und Risiko genau gegeneinander abgewogen werden», sagt der Anthroposophe. Häufig sind auch Eltern, die auf die Homöopathie setzen, gegen das Impfen kritisch eingestellt – in Unkenntnis der Lehre von Begründer Hahnemann, wie der Berner Kinderarzt Heiner Frei betont: «Man muss die Impffrage unbedingt von der Homöopathie abkoppeln», sagt er. Hahnemann habe beispielsweise die Pockenimpfung, die seinerzeit neu eingeführt wurde, als «homöopathische Handlung und grossen medizinischen Fortschritt» betrachtet. Heiner Frei empfiehlt in seiner homöopathischen Praxis die Basisimpfungen des BAG.
Schliesslich – und das ist der vierte Pfeiler unserer Impfskepsis – lassen sich moderne, kritische Eltern nur ungern in ihrer Entscheidungsfreiheit beschneiden. Impfen ist zwar freiwillig, trotzdem fühlen wir uns durch den «Impfplan» des BAG bevormundet. «Oft können wir uns nämlich gar nicht für die eine und gegen die andere Impfung entscheiden, weil nur Kombinationspräparate erhältlich sind», hiess es kürzlich im «Mamablog» von tagesanzeiger.ch. Ein versteckter Impfzwang sei das, der nicht selten nach hinten losgehe. Und wenn der anthroposophisch orienterte Kinderarzt Bernhard Wingeier argumentiert, ein Impfentscheid müsse «individuell und frei» erfolgen, muss man ihm recht geben.
Nur: In einer globalisierten, mobilen Welt hat das Insistieren auf persönlicher Freiheit eine Kehrseite: Wie wir entscheiden, hat Auswirkungen auf andere. Die meisten Krankheiten, gegen die man vorbeugen will, sind zwar aus einigen Ländern, aber nicht aus der Welt verschwunden. «Würde man zum Beispiel auf die Polio-Impfung verzichten, weil die Kinderlähmung hierzulande nicht mehr vorkommt, bräuchte es nur wenige aus dem Ausland eingeschleppte Fälle, damit sich das Virus wieder ausbreiten könnte», sagt EKIF-Vizepräsident Hans Binz. Auch der umgekehrte Weg ist möglich: Ein an Masern erkranktes Kind aus der Schweiz, das mit seinen Eltern nach Afrika reist, kann dort eine Epidemie auslösen. Und was hierzulande oft mit Achselzucken quittiert wird, ist für ein Land, in dem die Menschen unterernährt und generell anfälliger auf Krankheiten sind als wir, eine Katastrophe.
Welches Fazit lässt sich aus all dem ziehen? Aufgeklärte Eltern tun gut daran, sich mit den Impfungen, aber auch den Krankheiten, vor denen sie schützen, auseinanderzusetzen – «ohne Angst, in voller Verantwortung », wie der Anthroposophe Wingeier sagt. Und mit dem Bewusstsein, dass sich Befürchtungen ums Impfen nicht immer mit Zahlen und Fakten zerstreuen lassen. Genau so wenig wie sich die Argumente gegens Impfen beweisen lassen. Eltern können nicht alles wissen. Deshalb ist es «vielmehr eine Frage des Vertrauens als des Wissens, ob man sein Kind impfen lässt», findet zu Recht der Winterthurer Kinderarzt Kurt von Siebenthal. Vertrauen bauen Kinderärztinnen und -ärzte auf, wenn sie die Ängste der Eltern ernst nehmen. Und Väter und Mütter finden am besten heraus, was sie für ihr Kind wollen, wenn sie ihre Befürchtungen offen formulieren.
Irène Dietschi









