Kinderzeitschriften im Test
Kinderzeitschriften fluten die Kioske. Wir haben uns eine Auswahl genauer angeschaut. Denn: Ist bunt wirklich immer gleich blöd? Lehrreich auch lustvoll? Wie viele stille Leseminuten gibt es für 5.90 Franken?

(Quelle: flickr.com, KOMUnews)
Ob ein Kind dieses oder jenes der rund 85 Kinderheftchen wählt, ist oft keine Frage des Inhalts, sondern des Plastiks vorne drauf. Doch ist das eigentlich schlimm? Nein, sagt Peter Marus vom Institut für angewandte Medienforschung in Stuttgart gegenüber Focus online, Hauptsache, es kaufe überhaupt eine Zeitschrift. Denn: «Selbst diese billigen Kioskprodukte tragen zur Leselust und letztlich zur Leseförderung bei.» Und: Es gibt einen Gegentrend zu besagtem Billigprodukt. Immer mehr Verlage haben nicht nur entdeckt, dass – laut KIM – (Kinder + Medien) Studie – 43 Prozent der 6- bis 13-Jährigen regelmässig Zeitschriften lesen, sondern dass sie auch journalistische Qualität zu schätzen wissen.
Investitionen in die Kleinen zahlen sich aus
Geolino aus dem Gruner und Jahr Verlag, mit seinen klugen und wunderbar bebilderten Reportagen aus der ganzen Welt, ist mit einer Auflage von rund 255 000 Exemplaren seit Jahren ein Erfolgsmodell. Vom deshalb neu kreierten Geo Mini für die 5- bis 7-Jährigen soll sich gleich das erste Heft 40 000-mal verkauft haben. In der Schweiz hält sich der gut gemachte Spick seit 1982 in der schnelllebigen Branche. 18 Kinderzeitschriften werden von der «Stiftung Lesen» als «empfehlenswert» eingestuft. Hauptsache bunt reicht als Verkaufsargument nicht länger aus, werden Kinder doch eine immer attraktivere Zielgruppe im Medienmarkt. Zum einen sind sie die Leser und Abonnenten von morgen, zum anderen tun Werbekunden gut daran, bei den Jungen und Mädchen anzudocken. Nicht nur, dass sie selbst über ein beachtliches Budget pro Monat verfügen, sondern sie geben, Untersuchungen zufolge, auch bei Kaufentscheidungen der Eltern oft den Ausschlag. Investitionen in die Kleinen zahlen sich also später gross aus.
In Deutschland gehen einige Verlage dazu über, von ihren Zeitschriften Ableger für Kinder zu gründen, den Leser von morgen schon heute ans Blatt zu binden. «Dein Spiegel», die «Kinderzeit» oder Sonderhefte von Süddeutscher Zeitung und Welt aus speziellen Anlässen, etwa einer Wahl, sind solche «Junior-Ausgaben». Gekauft oder abonniert werden die Hefte meist von Eltern mit Bildungsanspruch: Lernen ihre Kinder darin doch was Demokratie ist, was es mit dem Klimawandel auf sich hat, aber auch wie Pinguine so leben.
Wir haben uns ein paar der bei uns erhältlichen Hefte genauer angeschaut:

Sponge Bob
- Zielgruppe: Grundschulkinder mit erhöhtem Fernsehkonsumund bekiffte Studenten.
- Inhalt: Etwa: Ein Schwamm macht den Bootsführerschein und wird dabei von einem grenzdebilen Seestern unterrichtet, Schwammkopfposter, viel Werbung, simple Rätsel.
- Lerneffekt: Keiner. Vielleicht abgesehen davon, dass Lesen immer gut ist und von der kargen Tintenfisch-Info-Doppelseite. Die wird aber garantiert überblättert.
- Lesespass: Wer Sponge Bob aus dem Fernsehen kennt, freut sich wahrscheinlich, das gelbe Ding auch gedruckt zu sehen. Da aber Grundschulkindern für gewöhnlich die Fahrschulerfahrung fehlt, Worte wie Steuerbord und Backbord selten geläufig sind, drängt sich der Verdacht auf, dass sich in Wirklichkeit ältere Jugendliche, die Schwammkopf «Kult» finden, an den leicht bräsigen Geschichten erfreuen. Dialoge wie «Wie nennt man die Vorderseite eines Bootes»? «Bug.» «Nein, vorne », haben schon was…
- Gimmick: Schwammschleuder
- Preis: 5.40 Franken
- Kaufen ja oder nein: Nein. Keinesfalls. Es sei denn, es wäre wieder so eine absolut megacoole Schwammschleuder drauf. Der Glibberschwamm lässt sich gigantisch weit fletschen und macht aus dem Besitzer in Windeseile das am heissesten beneidete Klassengschpänli.
Frag doch mal... Das Wissensmagazin mit der Maus
- Inhalt: Mausig. Maus Comics und Wie-geht-das-Artikel.
- Lerneffekt: Riesig. Ein Airbag bläst sich in 0,004 Sekunden auf, Flugzeuge sind aus Kohlefaser, die Seespinne heisst auch Pycnogonid … Gähn.
- Lesespass: Wenn das Kind sich zu Weihnachten ein Buch über Hyperia Macrocephala, den Flohkrebs, gewünscht hat, sicher gross. Ansonsten fehlt dem Heft vollständig der Charme der Fernsehsendung. So trocken, wie das fiese Papier sich anfühlt.
- Gimmick: Taucherbrille
- Preis: 5.90 Franken
- Kaufen ja oder nein: Ruft als Mitbringsel vermutlich ähnliche Freude hervor wie eine richtig schöne Mathenachhilfestunde als Geburtstagsgeschenk. Kauft das Kind sich das Heft selbst: Hut ab. Da steht ein Physikstudium an.
Spiel mit
- Zielgruppe: Vorschulkinder und Unterstufenschüler.
- Inhalt: Nette Rätsel, kleine Geschichten, keine Werbung, «Bastle dir einen Schmetterling», «Kennst du den Maikäfer?»
- Lerneffekt: Beachtlich. Viele Texte über Tiere, hübsche Bilder, Rezept von politisch korrektem Gemüsesalat.
- Lesespass: Gemütlich. Keine Knaller, keine Aufreger. Aber so richtig, um sich auf die Couch zu kuscheln und nicht zu lange Artikel über Tierkinder zu lesen.
- Gimmick: –
- Preis: Nur im Abo. 62.40 Franken für 12 Ausgaben
- Kaufen ja oder nein: Ja. Beschäftigt die Kleinen ziemlich lange, denn es gibt eine Menge zu schauen. Ruhe für die Eltern ist ein wichtiges Kaufkriterium.
Spick
- Zielgruppe: Schüler aus Unter- und Mittelstufe, manchmal Mama und Papa aus nostalgischen Gründen.
- Inhalt: Rätsel, Filme, Comics, Rezepte, Tiere, Englisch … Ein Gemischtwarenladen, durch den die jungen Leser sogar mit entsprechenden Symbolen am Seitenrand gelotst werden.
- Lerneffekt: Nicht gerade das, was man schon immer wissen wollte. Aber warum nicht mal ein bisschen über den Fernsehhund Kalle erfahren und wie die Rhätische Bahn so funktioniert? Solide.
- Lesespass: Angenehmes Papier, nette Texte … Nicht die Qualität von Geolino, aber voll okay.
- Gimmick: Spick-Extra-Hefte mit Zaubertricks, Rätsel und Witzen. Etwa: Was heisst Rinderdiebstahl auf Englisch? Oxford.
- Preis: 12.90 Franken
- Kaufen ja oder nein: Kein Grund, der dagegen spräche. Vom aberwitzigen Preis abgesehen.
Geolino
- Zielgruppe: Interessierte Kinder, Jugendliche, Erwachsene.
- Inhalt: Die ganze Welt. Kinder in Afghanistan machen Musik, Hirnforschung, Raubkatzen – alles. Wunderbar einfach und präzise erklärt. Tolle Bilder, die zeigen, dass hier Redaktoren davon ausgehen, dass auch kleine Leser Freude an Schönem haben.
- Lerneffekt: Enorm. Zwar liest wohl niemand das Heft in einem Rutsch durch, dafür wird es gesammelt, immer mal wieder hervorgekramt und etwas darin nachgelesen. Auch Erwachsene können beim Durchblättern stets etwas lernen. Oder wer kannte die Geschichte mit dem halb amputierten Gehirn?
- Lesespass: Und ob. Eines der wenigen Hefte, die nicht nur konsequent auf journalistische Qualität setzen, sondern auch Papier wählen, das sich angenehm anfühlt. Einzig die elend schweren Rätsel könnten die elterliche Autorität untergraben. Also: Drauf gefasst sein, vom eigenen Kind für strunzblöd gehalten zu werden, wenn man an einem Rätsel für Kinder scheitert.
- Gimmick: –
- Preis: 7 Franken
- Kaufen: Ja
Prinzessin Lillifee
- Zielgruppe: Kleine Mädchen.
- Inhalt: Rosa. Kurze, niedliche Lillifee-Geschichtchen, wir backen ein niedliches rosa Törtchen, wir schneiden rosa Blümchen aus und malen ganz viele niedliche Bilder aus. Alle rosa. Feministinnen weinen bei diesem Heft dicke Tränen.
- Lerneffekt: Mädchen sind süss, backen Kuchen, machen sich hübsch und lesen niemals mehr als zwei Zeilen am Stück. Erschütternd. Man kann nur auf Abwehrreaktionen aufgrund von Überdruss hoffen.
- Lesespass: Ist bei kleinen Mädchen zu befürchten. Auch lässt sich der grosse Bruder damit prima zum schreiend Wegrennen animieren.
- Gimmick: Fusskettchen mit Muscheln, Seesternen, Seepferdchen in – richtig! – Rosa!
- Preis: 6.40 Franken
- Kaufen ja oder nein: Mit gutem Gewissen? Nein. Falls man allerdings ein strahlendes Mädchen sehen möchte, das stolz und überglücklich ein Fusskettchen mit rosa Seepferden trägt: Ja.
Caren Battaglia








