Sympathischer Lastesel
Die Kombi-Version des Seat Ibiza sieht zwar nicht so flott aus wie der Fliessheckler, doch den meisten Kleinfamilien wird das egal sein: Der Spanier deckt vor allem das Bedürfnis nach jeder Menge Stauraum ab.
Im VW-Konzern soll Seat für «auto emocion» sorgen. Also das Herz der Auto-Aficionados höher schlagen lassen. Die tschechische Tochter Skoda hingegen steht eher für innere Werte. Für autofahrerische Vernunft. Nun fressen die Spanier plötzlich unter dem Hag durch und legen nach dem Exeo ST mit dem Ibiza ST den zweiten Kombi auf. Die Frage sei erlaubt: Wo bleibt bei dieser Fahrzeuggattung, auch Lastesel genannt, die «emocion»?
Okay, im Vergleich zum Dreitürer, dem Ibiza SC, wirkt der Kombi weit weniger charmant. Aber auch die Rucksack-Versionen des Clio und des 207 aus dem Hause Renault beziehungsweise Peugeot kommen für Design-Preise nicht in Frage. Und über das spröde Blechkleid eines Skoda Fabia Combi schweigt des Sängers Höflichkeit. Auf jeden Fall ist der kleine Seat-Kombi keine Beleidigung fürs Auge. Nicht zuletzt dank einer nach hinten abfallenden Dachlinie, die bald nach der Rücksitzlehne in ein Schrägheck übergeht, gelingt es den Designern, den ST aus der Ecke der Handwerkermobile zu holen. Überhaupt, was nützt einer Familie, die Platz braucht für zwei Kinder und das entsprechende Gepäck, tolles Design allein? Eben!
Die Ladekapazität des ST lässt sich stufenweise von 430 auf 1164 Liter vergrössern. Das macht ihn zwar nicht zum Lademeister, aber für den Alltag reichts. Schade, dass die Ladefläche eine Schwelle aufweist und schwere Gegenstände über eine Kante in den Kofferraum gehievt werden müssen. Zudem: Wer die zweite Sitzreihe abklappen möchte, muss die Vordersitze arg weit nach vorne schieben. Das Interieur ist wohnlich gestaltet, die verwendeten Materialien scheinen langlebig und pflegeleicht. Fahrer und Beifahrer sitzen komfortabel, hinten haperts allerdings mit dem Beinraum – vor allem wenn es sich grosse Menschen auf dem vorderen Gestühl bequem machen.
Bei den Motoren durfte sich Seat aus dem Regal von Konzernmutter VW bedienen. Und diese hat, was die Umweltverträglichkeit von Verbrennungsmotoren betrifft, grosse Anstrengungen unternommen. Unser Testwagen, mit einem 90 PS abliefernden 1,6-Liter-Turbodiesel bestückt, gab sich denn auch mit knapp fünf Litern zufrieden, für familientaugliche Autos ein hervorragender Wert. Der Turbo verleiht dem ST den nötigen Schub, wobei es einem allerdings nicht im Traum in den Sinn käme, diesbezüglich von spanischem Temperament zu sprechen. Bemerkenswert ist die Laufruhe: Auch bei deutschen Autobahn-Tempi braucht man sich zwischen den Sitzreihen zwecks Verständigung nicht anzuschreien. Was ausserdem für den Spanier spricht: Der Preis für das Einstiegsmodell – ab 16 000 Franken – ist ziemlich heiss. Allerdings muss man für die nur moderat mit Extras nachgerüsteten Top-Versionen bereits 30 000 Franken und mehr hinblättern. Überraschenderweise als Sonderausstattung zu bezahlen sind Sicherheitsfeatures wie ESP (elektronisches Stabilitätsprogramm) oder EBA (elektronischer Bremsassistent).
Fazit: Mit dem ST ist die vierköpfige Familie gut und komfortabel unterwegs. Der grosse Vorteil eines Kombis gegenüber trendigen Autos wie dem Kia Soul, dem Mini Clubman oder dem Nissan Cube spielt auch der kleine Kombi aus Spanien aus: Im Kofferraum finden auch dann mehr als zwei, drei Einkaufstüten Platz, wenn alle Sitzplätze besetzt sind.
Beat W. Hollenstein








