Wenn Kaufen zur Sucht wird
Ein Shoppingtag mit der Freundin macht Spass. Wenn aber Einkaufen zur Sucht wird, bringt das nicht nur den Kontostand in Gefahr.

Zuerst ist irgendein Ärger, eine Enttäuschung, Traurigkeit vielleicht – dann will man sich etwas Gutes tun, sich selbst beschenken. Und schon steht man an der Kasse und lässt sich etwas einpacken, etwas, das man gar nicht braucht und irgendwann unter dem Titel «Frustkauf» abhakt. Kaufen aus Frust kennt praktisch jede und jeder. Manche ziehts in diesen Momenten in die Schuh- und Kleiderläden, in die Nippesabteilungen von Einrichtungshäusern oder – eher die Männer – zu den technischen Spielwaren.
Ob aus Frust oder nicht: Wenn man samstags die überfüllten Einkaufsstrassen, das Gewusel in den Geschäften sieht, scheint «Lädele» die Freizeitbetätigung schlechthin zu sein. Da wird gestöbert, gekauft, geschleppt – als ob alles umsonst wäre. Die Konsumfreudigkeit sei gestiegen oder anhaltend gut, vermelden die Medien denn auch seit einiger Zeit. Was aus wirtschaftlicher Sicht eine gute Nachricht ist, bedeutet für manchen der einzelnen Konsumenten jedoch ein immer grösser werdendes Loch im Portemonnaie. Denn gekauft wird oft auch, wenn kein oder zu wenig Geld vorhanden ist. So gab es Ende 2006 in der Schweiz gemäss der Zentralstelle für Kreditinformation (ZEK) fast 900 000 Konsumkredite und Leasingverträge mit einem Gesamtvolumen von über 14 Milliarden Franken.
Die Versuchung, auf Pump zu kaufen, ist offensichtlich gross und in den letzten Jahren stetig gewachsen. Zugenommen hat auch die Anzahl Personen, die so süchtig nach Kaufen sind wie Drogenabhängige nach ihrem Stoff. Süchtig? Tatsächlich, gemäss der bisher ersten repräsentativen Untersuchung zum Kaufverhalten in der Schweiz, die die Soziologin Verena Maag im Auftrag der Hochschule für Sozialarbeit Bern 2003 durchgeführt hat, sind 5 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer kaufsüchtig, unter den jungen Menschen sind es gar 17 Prozent. Auffallend ist, dass doppelt so viele Frauen kaufsüchtig sind wie Männer. Verena Maag: «Frauen sind häufiger in Hauhaltsaktivitäten eingebunden, bei denen das regelmässige Einkaufen dazugehört. Sie verbringen also mehr Zeit in Läden und sind dadurch einem höheren Risiko ausgesetzt zu konsumieren und dabei auch über die Stränge zu schlagen.» Ebenfalls stark vertreten sind die Frauen bei denen, die eine Tendenz zu unkontrolliertem Kaufverhalten haben. Insgesamt ein Drittel aller Befragten bekundet Mühe, sich beim Konsumieren im Griff zu haben: Und die Übergange zwischen dem noch als normal geltenden zum pathologischen, süchtigen Verhalten seien fliessend, «da gibts eine grosse Grauzone», sagt Verena Maag.
Als Kaufsucht wird definiert, wenn der Drang zu kaufen so unwiderstehlich ist, dass der oder die Betroffene einfach kaufen MUSS, egal was für Folgen sich daraus ergeben. Oft ist sogar das Produkt selbst zweitrangig, es wird zuweilen nicht einmal ausgepackt. Nur noch kaufen ist wichtig, für anderes bleibt keine Zeit mehr. Trotz der für die Betroffenen zuweilen dramatischen Konsequenzen (Schulden bis zur Lohnpfändung, Vereinsamung, Depression) war die Kaufsucht im Gegensatz zur Drogen- oder Alkoholsucht lange kein Thema. Erst Ende der 80er-Jahre begann sich die wissenschaftliche Forschung um die Kaufsucht zu kümmern und Studien dazu zu verfassen. Konsumieren sei ein an sich erwünschtes Verhalten in unserer Gesellschaft, erklärt Verena Maag die späte Erkenntnis, dass Kauflust auch in Abhängigkeit ausarten kann. «Wir kommunizieren über Konsumgüter, sie schaffen Identifikation, etwa nach dem Motto: Hast du was, so bist du was.» Ein Sprichwort, das sich besonders Menschen mit geringem Selbstwertgefühl zu Herzen nehmen, «als liesse sich dieses aus der Einkaufstüte beschaffen», so Maag. Was, wie wir alle wissen, nicht klappt – ist doch die Euphorie, die eben noch beim Kauf der neuen Bluse zu spüren war, schnell verflogen. Zwei Wochen später scheint der Kleiderschrank genauso öde und langweilig zu sein wie eh und je. Und schon wieder heisst es: Shoppen!
Wer wissen will, wie das eigene Kaufverhalten einzuschätzen ist, ob die Frustkäufe alarmierend oder noch vertretbar sind, findet hier weitere Infos zum Thema: www.kaufsucht.org, www.my-money.ch, Link «Schuldenfallen»; Selbsthilfegruppe für Kaufsüchtige in Zürich: www.offenetuer-zh.ch.




