Mama, du bist tot!
Kinder lieben das Spiel mit Waffen – zu Gewalttätern werden sie deshalb noch lange nicht. Warum Eltern sich mit Kriegsspielzeug auseinandersetzen sollten, statt es rigoros zu verbieten.
Den schwarzen Strumpf mit Augenschlitz übers Gesicht gezogen, richtet der Gauner die Pistole direkt auf sein Gegenüber – Bauchnabelhöhe. «Hilfe!», ruft die Bedrohte, und fleht um ihr Leben. Zwecklos. Der Angreifer zaudert keine Sekunde: «Päng! Mama, du bist tot.»
Da liegt die Mutter nun, inmitten von Duplo-Steinen und Kuschelbären, über ihr der 5-jährige Sohn als gnadenloser Killer. In ihrem Kopf beginnt es zu rädeln. Handelt sie pädagogisch soeben komplett unzulänglich? Leistet sie Beihilfe zur Delinquentenkarriere ihres Sohnes? Oder ist sie sogar auf dem besten Weg, ihn zu einem Monster und Gewalttäter abzurichten?
Nur ein Spiel
«Mitnichten», sagt ausgerechnet ein Pfarrer. Thomas Hartmann, evangelischer Geistlicher aus Wiesbaden und Vater von vier Kindern, findet solch selbstquälerischen Gedanken überflüssig: «Ich habe mich selber gerne ‹tot› hinfallen lassen – spätestens wenn ich grinsend wieder aufstand, war für alle klar, es ist ja nur ein Spiel.» Hartmann ist Autor des Buches «Schluss mit dem Gewalt-Tabu» und er plädiert dafür, dass Eltern gelassener mit der spielerischen Aggression ihrer Kinder umgehen.
Denn: Seit die Friedenspädagogik der 70er-Jahre das Kriegsspielzeug ins Visier genommen hat, sind vor allem Buben und Eltern verunsichert, was das kindliche Vergnügen mit Plastikgewehren, Chäpslipistolen, Pfeil und Bogen anbelangt. Selbst wenn ein Kind ein Steckchen gegen jemanden richtet, so wird seither manchmal befürchtet, sei das ein Ausdruck nicht zu tolerierender Angriffslust.
Friedlich wars noch nie
Dabei ist Kriegsspielzeug kein Phänomen moderner Zeiten. Schon die Römer und Griechen schnitzten ihren Knaben Speere und Schilder. Allerdings gehörte der Umgang mit Waffen damals zur Erziehung und diente dazu, den Nachwuchs für den Kriegsfall zu trimmen. Im 18. Jahrhundert vertrieben sich die Kinder die Zeit am liebsten mit «Dieb und Gendarm». Friedlich ging es auch da nicht zu und her – das Spiel kulminierte oft im lustvollen, aber glücklicherweise nur simulierten «Hängen» des Bösewichts.
Damals liess man die Kinder allerdings noch frei gewähren, heute aber geraten viele Eltern in einen Gewissenskonflikt. Und wer nicht in einer pazifistischen oder sektiererischen Kleinstgemeinschaft lebt, hat es schwer, seinen Nachwuchs davon abzuhalten, Holzstöckchen zu Schiesseisen umzufunktionieren.
Für eine pädagogisch strenge Linie beispielsweise plädiert eine Mutter im wir eltern-Forum: «Bei uns zu Hause darf nicht mit Waffen gespielt werden. Weder Dolche noch Pistolen für die Fastnacht sind erlaubt, Schwerter dürfen keine gebaut werden – auch nicht aus Lego. Wasserpistolen sind ebenfalls verboten.» Wie hoffnungslos es ist, die Regel durchzusetzen, beklagt die betreffende Mutter gleich selber: «Leider benützt unsere 41⁄2-jährige Tochter jedoch in letzter Zeit sogar das Handy als Gewehr!»
Waffenarsenal im Kinderzimmer
Ganz anders eine zweite Mutter: «Ich will doch nicht päpstlicher als der Papst sein. Mein Sohn hat ein ganzes Waffenarsenal, inklusive Boxstation und Boxhandschuhen. Wir kämpfen zusammen und spielen Star Wars mit Laserschwertern – für so einen Mist war ich schon immer zu haben. Ich sehe das überhaupt nicht eng.»
Wenn Standpunkte von euphorischem Lob bis hin zu abgrundtiefer Ächtung reichen, wenn Meinungen zu Glaubenskriegen ausarten, stecken dahinter häufig Themen, die archaische Saiten im Menschen zum Schwingen bringen. Für uns Erwachsene implizieren (Spielzeug-) Waffen Krieg, Schmerz und Tod. Kindern hingegen macht das Rumballern schlicht Spass. Psychologen schreiben dem «Kriegerli»-Spiel sogar eine Ventilfunktion zu. Das Kind erhalte durch das Spiel die Möglichkeit, Aggression und Wut auf unschädliche Weise abzureagieren.
Kinder können unterscheiden
Kennt aber ein Kindergartenkind den Unterschied zwischen Spiel und Realität? Durchaus, sagt die Pädagogik. Wenn Kinder Kriegs- und Kampfszenarien nachspielen, wenn beim Spaziergang im Wald Stecken zu Maschinengewehren werden, geschieht das in der Fantasie. Ein Kind erschrickt, wenn es einen Kameraden unabsichtlich verletzt – aus dem Spiel wird jähe Realität.
Beim «Kriegerlis» geht es nicht darum, realen Schrecken nachzuspielen, sondern um den Kitzel: Um das Vergnügen, sich zu verstecken und gefunden zu werden; um den Reiz zu zielen und zu treffen; und um die Identifikation mit starken Figuren.
Kinder suchen polare Gefühlswelten und entscheiden darin glasklar, was Gut und was Böse ist. Es sind die Erwachsenen, die Spiel und Fantasie durcheinander bringen. Statt die «Gewalt»-Inszenierung ihrer Kinder für das Gespräch zu nutzen, lassen Eltern die Kleinen die diffuse Ablehnung von Spielwaffen spüren. Oder verbieten sie gleich ganz. Dabei wären das Piratenspiel, die Wasserpistolenschlacht und der Marterpfahl wunderbare Gelegenheiten, über Gut und Böse, über Krieg und Frieden in der realen Welt zu sprechen.
Chäpslipistole macht keine Gewalttäter
Auf keinen Fall werde später zum Gewalttäter, sagt Pfarrer Hartmann, wer bereits als Knirps die Chäpslipistole zückt: «Sonst wären wir ja ein Volk von Kriegern und Terminators.» Die Einübung zum realen Delinquieren benötige immer ein entsprechendes Umfeld wie etwa eine gewalthaltige Familienstruktur oder gezielten militärischen Drill.
Trotz seines Plädoyers für mehr Gelassenheit gegenüber kleinen Waffenhelden schwebt auch Pfarrer Hartmann nicht einfach ein lustiger Tummelplatz vor, auf dem sich Kinder frei von jeder Kontrolle mit Steinschleudern, Pfeil und Bogen oder Soft-Air-Guns die Augen aus dem Kopf ballern. Im Gegenteil: «Es ist Aufgabe der Eltern, Auswüchse und reale Gewalt mit Verletzungsgefahr zu verhindern.» Eine Wasserpistole ist ein harmloser Spass – Erbsenpistolen, Steinschleudern und Soft-Air-Guns aber können gefährliche Waffen sein.
Auch anderweitig sollen Eltern Grenzen ziehen. Solange der Kindergartenjunge nämlich ein Holzschwert schnitzt oder die Plastikaxt schwingt, ist es noch ein Leichtes, mit ihm über Sinn und Unsinn von Spielzeugwaffen zu diskutieren. Was aber, wenn der Sohn sich zum Geburtstag ausschliesslich ferngesteuerte Panzer mit Spinturns, Militär-Hubschrauber und Armeen von Soldaten wünscht? Wenn das Kinderzimmer sich in ein martialisches Schlachtfeld zu verwandeln beginnt? «Zwanghaft-pathologisches Verhalten ist natürlich bedenklich, aber da liegen die Gründe woanders», ist Thomas Hartmann überzeugt. Normalerweise gehe die Kriegsspielphase nach ein paar Monaten vorüber. «Eltern dürfen sich aber weigern, den Kindern Panzer zu schenken, wenn sie das persönlich ablehnen», sagt Pfarrer Hartmann. Stattdessen soll der Sohn – wenn ihm die Aufrüstung so wichtig ist – diese mit seinem Taschengeld berappen.
Nur im eigenen Zimmer
Auch mit räumlichen Grenzen können Eltern ihrer Auffassung von Kriegsspielzeug Nachdruck verleihen. Zum Beispiel mit der Regel, dass der Nachwuchs nur in seinem Zimmer mit Panzern und Soldaten spielen darf, nicht aber im Wohnzimmer.
«Hallo Mama, du bist wieder lebendig!» Dem 5-jährigen Jungen ist es mittlerweile nicht mehr ganz geheuer, wie seine Mutter so reglos daliegt im Kinderzimmer. Als sie die Augen aufschlägt, steht dem Kleinen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. «Willst du eine Ovo?», fragt die Mutter ihren Sohn. «Dabei könnten wir dann ein wenig über deine Pistole plaudern.»
Manuela von Ah








