zur Hauptnavigation
Direkt zum Hauptinhalt

 

Teilen will gelernt sein

Der kleine Raffzahn will nichts hergeben. «Meins!» ist sein Lieblingswort. Über den Egoismus ihrer Kinder können Eltern schon mal erschrecken.

/pict/familienjahre/erziehung/teilen.jpg

Wie fest so ein Dreijähriger plötzlich zupacken kann. In der linken und in der rechten Hand hält Jonas jeweils eine Baumnuss fest umklammert, offensichtlich wild entschlossen, seine Beute mit allen Mitteln zu verteidigen. Kein Problem eigentlich – wären die Nüsse nicht bis dahin im Besitz seiner Schwester gewesen. Die verlangt nun ultimativ und lautstark von Jonas die Herausgabe. «Gib Larissa wenigstens eine Nuss zurück, die gehören ihr», erklärt die Mutter kurzerhand und entwindet das begehrte Stück mit einiger Anstrengung Jonas’ eiserner Faust. Nun geht das Gebrüll erst recht los. Jonas hat offensichtlich keinerlei Verständnis für solch «gerechte» Verteilung. «Er muss lernen, dass er nicht alles haben kann», meint seine Mutter kategorisch.

Alle kleinen Kinder sind «Egoisten»

Mit ihrem Eingreifen wird sie vermutlich eher das Gegenteil erreichen: Jonas wird seinen Besitz in Zukunft nur noch erbitterter verteidigen. Einfach weil er mit seinen drei Jahren noch gar nicht einsehen kann, warum er hergeben soll, was er sich gerade erobert hat. Er kann nicht wissen, wie seine Schwester empfindet. Er unterscheidet nicht zwischen «dein» und «mein». Für ihn ist die Welt noch ein einziges grosses «Ich». Das «Du» kommt später. Bis in die Kindergartenzeit hinein sind Kinder daher völlig egoistisch. Einen Sinn für gerechtes Teilen entwickeln sie erst mit sieben, acht Jahren, haben Forscher um Professor Ernst Fehr an der Uni Zürich herausgefunden.

Plötzlich sozial?

Woher kommt denn aber die Sinneswandlung zwischen Kindergarten- und Schulzeit? Ist der Egoismus der ersten Jahre im Grunde unsere wahre menschliche Natur? Passen wir uns mit zunehmendem Alter einfach an, weil wir wissen, dass Kindergärtnerinnen und Lehrer unseren Egotrip nicht goutieren? Evolutionsbiologen behaupten das gern mit dem Verweis auf das Tierreich. Teilen ist im tierischen Überlebenskampf verpönt; jeder für sich heisst die Devise. Warum sollte das bei uns Menschen anders sein? Bernhard Bueb, der mit seinem Buch «Lob der Disziplin» die Gemüter der Erziehungsprofis erhitzte, sagte denn auch in einem Interview: «Wenn Sie ein Kind ohne korrigierende Erziehung gross werden lassen, wird es ein unmoralischer Mensch, weil es seinen Egoismus auslebt und nur sich selbst als Massstab betrachtet.»

Mütter schämen sich

Viele Mütter scheinen genau das zu befürchten, wenn ihre kleinen Egomanen in der Kindergruppe mit niemandem teilen wollen. Eigentlich schämen sie sich auch ein bisschen. So als hätten sie es versäumt, ihren Sprössling rechtzeitig zu einem sozial verträglichen Fairplayer zu erziehen. «Dabei haben wir doch, kaum dass das Kind sprechen konnte, sozial verträgliches Verhalten eingeübt: das Buch vom Regenbogenfisch vorgelesen, der seine Schuppen herschenkt zum Wohle der Allgemeinheit, jedes Geschenk mit «Danke» quittiert, …» So fasst die Psychologin Elke Leger im Online-Familienhandbuch die konsternierte Überraschung vieler Eltern zusammen, die am Sandkasten feststellen müssen, dass ihre Lieblinge trotz aller erzieherischen Bemühungen nicht ein einziges Förmchen auszuleihen bereit sind. Der Appell «Aber Sven möchte doch auch mal spielen!» sei dann völlig sinnlos, so die Erziehungsberaterin, weil das, was wir Erwachsene unter «moralischem Verhalten» verstehen, dem kleinen Kind eben noch fremd ist. «Das Kind ist ein Egoist, und das muss es auch sein.»

Wer nichts gibt, bekommt nichts

Aber irgendwann muss es seine egoistischen Züge ablegen und lernen, dass wer nichts abgibt, eben auch nicht mitspielen darf. Diese moralischen Regeln lernt ein Kind am allerbesten durch Beobachten und Nachahmen. So wie es alles andere auch lernt. Die ersten Jahre sind ein faszinierendes Trainingscamp fürs Leben und Kinder sind unglaublich gut darin, zu beobachten, wie die Grossen ihre Dinge regeln. Und was sehen sie da? Etwa lauter Gutmenschen, die ihren Überfluss freiwillig mit den Ärmsten der Welt teilen? Lauter Mutter Theresas und Franzens von Assisi? Was sollen dann die Schilder an den Zäunen mit «Privateigentum» und «Zutritt verboten» bedeuten? Werbesprüche wie «Geiz ist geil», Bücher, die die «Kunst, ein Egoist zu sein» lehren? Von den Kleinsten verlangen wir, dass sie ihre heissgeliebten Schoggistängeli mit dem Nachbarskind teilen, während wir nie im Leben unser Auto der Nachbarin auch nur für einen Tag ausleihen würden!

Regeln lernen

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass Kinder in unserer Gesellschaft in der Regel eben nicht raffgierige Geizhälse werden, sondern irgendwann sehr wohl auf Moral und Fairness pochen. Sobald sie erkennen, dass andere anders sind, achten sie auf deren Reaktionen, nehmen Rücksicht, verzichten auf den grösst möglichen eigenen Nutzen, versuchen zu trösten. Der kleine Mensch weiss instinktiv, dass er auf die anderen angewiesen sein wird. Dass es folglich besser ist, sich zu vertragen als sich um Sandschaufeln und Schoggistängeli zu prügeln. Die Regeln, wie man aus Konflikten raus kommt und zu einem Konsens findet, lernt ein Kind jeden Tag ein bisschen besser, indem es ausprobiert, was funktioniert und was nicht.

Die Liebe machts

Wenn purer Egoismus das biologische Grundprogramm des Menschen wäre, mit dem er auf die Welt kommt, wäre er schlecht ausgestattet für das Leben, das ihn hier erwartet. Vor allem wäre er nicht auf das Wichtigste programmiert, das ihn erst zum Menschen macht: die Liebe. Deshalb wird ein Kind nicht durch Disziplin, Strenge und «korrigierende Erziehung», zu einem moralischen Menschen, wie Scharfmacher wie Bernhard Bueb meinen, sondern durch ein liebevolles Umfeld, in dem vorgelebt wird, was das Kind lernen soll. Meistens klappt das ja auch ganz gut, und deshalb haben wir als Erwachsene wenigstens ein schlechtes Gefühl, wenn wir uns unfair und egoistisch verhalten. Professor Ernst Fehr von der Uni Zürich hat das Teilen-Spiel in anderer Form auch mit Erwachsenen ausprobiert: Ihnen wurden jeweils 50 Euro angeboten – unter der Bedingung, dass sie das Geld mit einem Mitmenschen teilen mussten. Wie viel sie davon abgeben wollten, konnten sie selbst bestimmen. Allerdings musste der Spielpartner mit der Aufteilung einverstanden sein. Lehnte er ab, gingen beide leer aus. Nun würde man erwarten, dass jeder denkt: Da kann ich ja nur gewinnen – egal, was ich von den 50 Euro abkriege, es ist auf jeden Fall geschenkt. Nein! Schon wenn weniger als 40 Prozent angeboten wurde, waren etliche Spielpartner brüskiert und lehnten das Angebot ab. Bei weniger als einem Drittel wurde fast immer abgelehnt. «Die Leute verschenken also bares Geld, um ihre Mitmenschen zu erziehen», resümiert Ernst Fehr. Wie auch immer moralisches Bewusstsein in unsere Köpfe gelangt – wir sind tatsächlich weniger egoistisch als man denkt. Wir müssten es nur öfter zeigen.

 

Doris Michel


Baby des MonatsPresent ServiceSchwangerschaftskalender