Fangis statt Fortbildung
Kinder lernen durchs Spiel. Kommt das zu kurz, fehlen ihnen als Erwachsene wichtige Kompetenzen. Wahlweise müssen sie das Verpasste in nervtötenden Kursen nachholen.

Robin Williams fuhr nach Spanien, heiratete drei schöne Damen», hektisch patschen die beiden Mädchen ihre Hände im Takt aneinander. Wer Robin Williams ist? Keine Ahnung, nie gehört. Aber darauf kommt es auch nicht an. Klatschspiele gibt es überall. Mal lautet der Singsang dabei «em, pom, pi, koloni, kolonastik», mal «fli, flei, flo». Flifleiflo und Robin Williams sind austauschbar, denn vor allem gilt es – Spass am Spiel zu haben. Spiel? Heisst es nicht überall, das Spielen sei ein Auslaufmodell? Staubiger
Ladenhüter in einer Generation von Marathonfernsehen? Wahlweise nur noch irgendwie bucklig und degeneriert in Form von Computer-Games anzutreffen? Unsinn.
Spielen ist ein Dauerbrenner
Gespielt wird wie eh und je. Mag auch nicht mehr in jeder Astgabel ein Baumhaus hängen, wie es – glaubt man der älteren Generation – früher üblich war, mögen auch selbstgebaute Borkenschiffchen nicht mehr in Flottenstärke auf Bächen herumschwimmen und armselige Lumpenpüppchen der «Tauch-Baby-Born mit magischen Luftbläschen» gewichen sein, gespielt wird nach wie vor. Und laut der deutschen KIM-Studie (Kinder und Medien) antworten Kinder, danach befragt, was sie am allerliebsten tun, weder «chillen» noch «Klingeltöne herunterladen», sondern «mit Freunden draussen spielen». Zum Glück. Denn nichts ist für die kindliche Entwicklung wichtiger als das Spiel. Und das nicht nur, weil es lustig ist, sondern weil Spiel der Motor kindlicher Entwicklung ist.
Ein Fulltime-Job
15 000 Stunden sollten Jungen und Mädchen bis zum 6. Lebensjahr gespielt haben, betonen Wissenschaftler, umgerechnet bedeutet das: sieben bis acht Stunden Spiel pro Tag. Spiel als Fulltime-Job. Doch obwohl das Phänomen Spiel nicht vom Aussterben bedroht ist, die Musse, die dafür eingeräumt wird, ist es. Immer häufiger kommen Eltern Zweifel: Ist dieses Vertändeln des Tages nicht eigentlich verschwendete Zeit, die gescheiter für gezielte Arbeit an der Zukunft genutzt werden könnte? Mit ein bisschen fröhlichem Frühenglisch hier, besinnlichen Geigenstunden dort oder doch wenigstens mit einem lehrreichen Tier-Lotto? «Zeitfenster nutzen» heisst die Devise, die zeitgeistige Variante von «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr». Spielerisch lernen erscheint derzeit als der cleverste Trick, alles unter einen Hut zu kriegen.
Keine faulen Tricks!
«Irrtum», findet Rainer Korte, Professor für Spieltheorie an der Universität Dortmund: «Das macht doch die armen Kinder völlig mürbe, wenn sie jetzt auch noch zu Hause schulisch fertig gemacht werden. Mit dem Spiel soll man kein falsches Spiel treiben.» Denn das eigentliche Wesen des Spiels sei das zweckfreie Tun, so Korte, ein leicht anarchistisches Element in einer Gesellschaft, in der Leistung und Effizienz alles sind. Spiele, die lediglich Schulstoff-Lernen kaschieren, seien keine Spiele. Und das Lernen wiederum müsse auch mal ohne Spiel auskommen. «Seien wir ehrlich, wenn in der Mathematik der Satz des Thales ansteht, kommt keine richtige Lustigkeit auf; auch nicht wenn man bunte Kärtchen einsetzt.» Pauken zu seiner Zeit, Spielen zu seiner Zeit. Gelernt wird bei beidem. Wenn auch beim Spielen lustbetonter, freiwillig, ungezielt – aber hocheffizient und nachhaltig. Oder wie es der dänische Pädagoge Jesper Juuls sagt: «Erwachsene sind übereingekommen, das Lernen und Forschen eines Kindes als ‹Spiel› zu bezeichnen.»
Caren Battaglia








