Lust von Anfang an
Kinder, so wissen wir heute, sind sexuelle Wesen, und zwar nicht erst ab der Pubertät, sondern bereits vor der Geburt. Neueste Erkenntnisse aus der Sexologie.
Eltern von Buben haben es wohl alle mal erlebt: Da liegt der Kleine ohne Windel auf dem Wickeltisch oder steht unter der Dusche, und schwupp, plötzlich macht sich sein kleiner Penis selbstständig, wird lebendig und steif. Mütter und Väter nehmen das vielleicht etwas befremdet oder auch belustigt, meist jedoch ohne grosse Reaktion zur Kenntnis. Und ahnen nicht, welche Bedeutung moderne Sexologinnen und Sexologen diesem Erregungsreflex zuschreiben – der übrigens auch bei Mädchen wunderbar funktioniert, aus anatomischen Gründen allerdings um einiges versteckter.
Der Ansatz Sexocorporel von Jean-Yves Desjardins, Professor an der Université de Québec in Montreal, einer der wenigen sexologischen Fakultäten, geht davon aus, dass Sexualität im Laufe unserer Entwicklung genau so gelernt werden muss wie Gehen, Sprechen oder das Spielen eines Instruments. Das Fundament dafür bildet der Erregungsreflex, der bereits vorgeburtlich angelegt ist und sich im Verlauf der Entwicklung mit unseren weiteren Fähigkeiten, mit unserem Erleben verbindet. «Ähnlich wie beim Saugreflex erfährt das Kind bereits als Baby, dass angenehme Empfindungen damit einhergehen, wenn die Blutzufuhr in die Geschlechtsteile verstärkt wird», so Esther Elisabeth Schütz, Sexualpädagogin und klinische Sexologin aus Uster ZH. «Mit der Zeit merkt es, dass es diese wohligen Empfindungen durch Anspannung der Muskulatur, durch rhythmische Bewegungen und später durch Anfassen der Geschlechtsteile intensivieren kann.» All dies passiert jedoch im Kleinkindalter auf unbewusste, spielerische Weise und verbindet sich mit der übrigen Entwicklung.
«Keine menschliche Fähigkeit wird in ihrer Entwicklung von den Eltern und der Gesellschaft so wenig unterstützt, begleitet und verstanden wie die der Sexualität », so der Zürcher Sexologe und Psychiater Peter Gehrig. «Während die ersten Gehversuche intensiv gefördert und mit viel Emotionalität und Zuspruch begleitet werden, rufen die ersten Erkundungen auf genitaler Ebene nach wie vor eher zwiespältige Gefühle, Verunsicherung oder Ablehnung hervor.» Wenn uns jedoch daran gelegen ist, dass unsere Kinder später, wenn sie erwachsen sind, ihre Sexualität auf eine reife, verantwortungsvolle Art leben und geniessen können, sollten wir ihre natürliche sexuelle Entwicklung unterstützen. Die Sexologin Esther Elisabeth Schütz bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: «Die Sexualität gehört zum Leben – wie Atmen, Essen und Trinken, und wird von klein auf gelernt wie viele andere Dinge auch.»
Die vier Phasen von der Geburt bis zur Pubertät
Esther Elisabeth Schütz erklärt, welche sexuellen Entwicklungsschritte zum jeweiligen Alter gehören und beantwortet Fragen, die sich Eltern häufig stellen.
VOR DER GEBURT BIS ZUM 2. LEBENSJAHR
Wie der Greif- oder der Saugreflex ist auch der Erregungsreflex beim Baby bereits vor der Geburt da. Beim männlichen Fötus etwa kann im Ultraschall gut beobachtet werden, wie sich das kleine Glied ab und zu versteift. Dasselbe geschieht nach der Geburt, zum Beispiel dann, wenn der kleine Junge an der Brust saugt oder aus dem Schoppen trinkt. Nicht in gleichem Masse sichtbar ist die Erregung des Mädchens, da sein Geschlecht verborgen liegt und die Klitoris sehr klein ist. In den ersten Wochen und Monaten ihres Lebens ist für die Kinder der Körperkontakt überlebenswichtig. Berühren die Eltern ihr Kind, streicheln und küssen es zärtlich, erfährt es Wärme, Liebe und Geborgenheit, denn es nimmt viel über die Haut wahr.
KLEINKINDER 21⁄2 BIS 6 JAHRE
Mädchen und Jungen werden sich in diesem Alter ihrer eigenen Körperausscheidungen bewusst. Sie untersuchen ihren Stuhlgang und begleiten die Eltern neugierig auf die Toilette. Zunehmend interessieren sie sich auch für das Geschlecht der Eltern. Sie beobachten und entdecken, dass Mama und Papa oder Geschwister verschieden sind und beginnen anzuerkennen, dass ihr Geschlecht so ist wie jenes von der Mutter oder jenes des Vaters. Über die Geschlechtszugehörigkeit bilden sie das eigene Ich, die sexuelle Identität. Die Buben zeigen stolz ihren Penis, die Mädchen heben ihre Röcklein. Sehr symbolisch bauen später viele Mädchen Höhlen, Buben schiessen als kleine Cowboys und Piraten mit Spielzeugpistolen. Selbstverständlich können heute Knaben auch Mädchenspiele spielen und umgekehrt. Dennoch erkennen Fachleute und Eltern oft eine Geschlechterdifferenz bezüglich dieser Kinderspiele. Grundsätzlich bewegen sich Kinder liebend gern, springen, hüpfen, schaukeln mit dem Becken. Diese Selbststimulationen machen sie nicht bewusst, sie nutzen einfach alle Möglichkeiten, welche ihnen gute Gefühle bereiten. Manchmal kreischen sie dabei, und wenn wir fragen warum, sagen sie, es mache «gilli - gilli» im Bauch. Über die sexuellen Entdeckungsspiele mit andern Kindern - zum Beispiel beim «Dökterle» - erkennen sie zunehmend bewusst ihr eigenes Geschlecht.
SCHULKINDER 6 BIS 10 JAHRE
Die enge Bindung zu den Eltern wird nun schwächer, die Beziehung zu anderen gewinnt an Bedeutung. So idealisieren und verehren etwa die jungen Schulkinder ihre Lehrerin und intensivieren den Kontakt zu Gleichaltrigen. Sie knüpfen Freundschaften oder verlieben sich in Kinder des gleichen und des andern Geschlechtes, und spielen zunächst noch unbefangen mit ihrer Geschlechtsrolle. Der Umgang mit dem eigenen Körper und Geschlecht erhält einen neuen Stellenwert. Die Schamgefühle erwachen und die Kinder beginnen, ihre gewohnten Verhaltensweisen zu verändern und sich abzugrenzen. Mit leisen Signalen distanzieren sie sich von der körperlichen Nähe und den Zärtlichkeiten der Eltern und naher Bezugspersonen. Erwachsene können die Kinder unterstützen, indem sie deren Wunsch nach Rückzug achten. Denn die kindlichen Entdeckungsspiele rund um das Geschlecht erhalten jetzt zunehmend eine neue Bedeutung. Den meisten Mädchen und Buben wird allmählich bewusst, dass sie ihre sexuelle Erregung mit eigener Technik auslösen, steigern und entladen können. In dieser Phase können Eltern – auch ohne dass das Kind deutliches Interesse signalisiert – Kinderbücher zur Sexualerziehung vorlesen oder gemeinsam betrachten und das, was ihnen wichtig erscheint, vermitteln.
TEENAGER 11 BIS 15 JAHRE
Nun verändert sich der Körper der Mädchen und Jungen in kurzer Zeit, ohne dass sie dafür oder dagegen etwas tun können. Sie sind mit schwierigen Ablösungsprozessen konfrontiert. Einerseits versuchen sie an der elterlichen Liebe und Geborgenheit festzuhalten, andererseits drängt sie ihre Sexualität, eine Liebesbeziehung ausserhalb der Familie aufzunehmen. Während dieser Umbruchphase fühlen sich Jugendliche zwischen Kindheit und Erwachsensein hin und her gerissen, was starke Stimmungsschwankungen auslösen kann. Das Selbstwertgefühl ist labiler und Jugendliche suchen in dieser Phase die Nähe von Gleichaltrigen, die ihnen Bestätigung und Rückhalt geben. Es ist ihnen sehr wichtig, von den Mitgliedern der Peer-Gruppe angenommen zu werden. Die Clique gibt ihnen auch den Halt, um erste Beziehungen zu wagen. Einerseits wünschen sich Teenager sehnlichst, sich zu verlieben; andererseits haben sie in ihrer Unsicherheit auch Angst, abgelehnt zu werden. Die Sexualität ist jene Urkraft, welche Kinder in der Ablösung von den Eltern unterstützt und sie motiviert, eine Liebesbeziehung einzugehen. Deshalb sind in diesem Alter Gespräche zwischen Jugendlichen und Eltern sehr heikel. Eltern sollten in Anwesenheit ihrer heranwachsenden Kinder nicht von ihrer eigenen Sexualität im «Hier und Jetzt» sprechen und sich ihrer Rolle als Vater oder Mutter bewusst sein.
Veronica Bonilla Gurzeler, Manuela von Ah








