Eingesperrte Worte
Manche Kinder reden kein Wort mit der Kindergärtnerin, den Klassenkameraden oder der Nachbarin. Wie kommt es dazu, und wie kann man den Kindern dabei helfen, auch ausserhalb der Familie zu sprechen?
Möchte denn die Kleine noch ein Wursträdchen?» – die freundliche Metzgerin lächelt die fünfjährige Aline an und streckt ihr eine Scheibe Mortadella entgegen. Diese Frage hatte Alines Mutter befürchtet. Ihre Tochter steht wie versteinert da, nickt nicht, schüttelt nicht den Kopf, sagt weder Nein noch Ja, schaut konzentriert auf den Boden. Ein kurzes peinliches Schweigen entsteht, die Wurstscheibe schwebt aufgespiesst über der Ladentheke, dann antwortet Vera Meister für ihr Kind: «Nein, danke, Aline hatte eben ein Gipfeli.» Das freundliche Lächeln der Metzgerin friert ein: «Kann sie denn nicht selbst reden?» Doch, das kann sie eigentlich schon, aber nur zu Hause und da richtig viel. So viel, dass ihre Mutter sie manchmal bremsen muss. Kaum hat sie aber das Haus verlassen, ist es, als kippe bei Aline ein Schalter auf «mute» – stumm. Dann verkrampft sie sich, klammert sich an Mamas Hand und redet kein Wort mehr. Auf jeden Fall nicht mit der Metzgerin, dem Zahnarzt oder dem Pöstler. Nicht mal die Oma aus Deutschland, die manchmal zu Besuch kommt, hat ihre Enkelin je reden hören.
Selektives Schweigen
Aline gehört nämlich zu jenen zwei bis sieben von 1000 Kindern, die unter selektivem Mutismus leiden. Dies ist die wissenschaftliche Bezeichnung für die komplette Stummheit in speziellen Situationen, meist in fremder Umgebung und mit fremden Personen. Zu Hause plappern sie munter drauf los, löchern ihre Eltern mit Fragen, führen am Familientisch vielleicht sogar das grosse Wort. Doch kaum haben sie das vertraute Umfeld verlassen, sind im Kindergarten, in der Schule oder auf dem Spielplatz, bringen sie kein Wort mehr heraus. Und nicht nur das: Sie sind auch körperlich angespannt und total blockiert, nehmen einen abweisenden Gesichtsausdruck an und meiden Blickkontakt.
Nicht absichtlich
Was von Aussenstehenden oft wie schlechtes Benehmen empfunden wird, hat aber nichts damit zu tun, dass Kinder sich freiwillig dafür entscheiden, wann und wem gegenüber sie den Mund nicht aufmachen wollen. «Wenn Kinder verstummen, geschieht das nicht aus Trotz oder Starrsinn. Die Verweigerung des Sprechens ist weder bewusst noch willentlich», betont die Kinderpsychologin Dr. Erika Meili. Sie arbeitet in ihrer Praxis mit selektiv mutistischen Kindern und weiss um die Not ihrer kleinen Patienten und die der Eltern. Aufklärung muss sein, ist sie überzeugt, denn sonst entstünden bei den Eltern unnötige und hinderliche Schuldgefühle. Wenn nicht die Eltern, wer ist dann dafür verantwortlich, dass Kinder stumm und starr auf nette Fragen reagieren? «Die Ursachen sind vielfältig und bei jedem Kind unterschiedlich gewichtet», erklärt die Fachfrau, «oft spielt neben anderen Risikofaktoren wie Mehrsprachigkeit oder Sprachentwicklungsstörungen eine familiäre Veranlagung eine Rolle.» Traumatische Erlebnisse oder grobe Erziehungsfehler seien höchst selten ausschlaggebend. Und werfe man den Kindern vor, dass sie absichtlich und aus bösem Willen nicht reden, tue man ihnen nicht nur Unrecht, sondern könne auch nicht gezielt helfen.
Mehr als nur schüchtern
Der 10-jährige Sandro zum Beispiel wäre fast in einer Kleinklasse für Verhaltensauffällige gelandet, hätten seine Eltern sich nicht dagegen gewehrt. Der Bub war schon immer besonders schüchtern und ängstlich, erzählt die Mutter. Ähnlich wie Aline verkrampfte sich Sandro jedes Mal, wenn eine fremde Person ihn ansprach, und schwieg standhaft. Nach den ersten zwei Wochen Chindsgi lud die Kindergärtnerin die Eltern zu einem Gespräch ein: Sandro hatte noch keine Silbe mit ihr gesprochen. «Spätestens nach diesem Gespräch wussten wir, dass unser Sohn nicht einfach nur schüchtern war», erzählt Sandros Mutter. Trotz dieser Erkenntnis mussten sie sich jahrelang «durchwursteln», gerieten an Schulpsychologen, die noch nie von selektivem Mutismus gehört hatten, eine Kindertherapeutin, die sie nach zwei erfolglos verstrichenen Jahren Therapie vertröstete: «Das kommt schon.» Es kam aber nicht. Sobald Sandro den Kindergarten bzw. die Schule betrat, veränderte sich seine Körperhaltung, wirkte er verklemmt und blockiert. Und trotzdem ging er gern dorthin, freute sich nach den Ferien immer auf den ersten Schultag. «Sandro selbst hat auch nicht gelitten, und auf die Frage, warum er mit der Kindergärtnerin oder mit der Lehrerin nicht reden kann, wusste er keine Antwort», so die Mutter. Obwohl ihr Sohn selbst zufrieden schien und bei den Gleichaltrigen äusserst beliebt war, wollte sie unbedingt etwas unternehmen. Bei jedem Schulbesuchsmorgen versetzte es ihr einen Stich, wenn Sandro starr und reglos dasass, im Unterricht keinen Pieps von sich gab und bei Aufführungen nicht mitmachte. Was sollte später aus ihm werden, wenn er nicht irgendwann lernen würde, in fremden Situationen zu sprechen?, fragten sich Sandros Eltern. Durch Fernsehsendungen, Artikel und Internetrecherchen erfuhren sie immer mehr über die seltsame Störung und machten schliesslich Erika Meili ausfindig. Seit einem Jahr geht Sandro einmal wöchentlich zu ihr in die Therapie und lernt nun in kleinen Schritten «aufzutun».
Vertrauen aufbauen
Wie bringt man aber stumme Kinder zum Sprechen? «Das Reden steht am Anfang noch gar nicht im Zentrum», sagt die Fachfrau, «zunächst geht es darum, Vertrauen aufzubauen und das Kind zu stärken.» Wichtig sei es, auf den Ressourcen aufzubauen, die ein Kind mitbringt, und nicht als erstes auf die Schwierigkeiten zu fokussieren. Mit der Zeit arbeitet Erika Meili auch mit spezifischen verhaltenstherapeutischen Strategien. Dabei wird zuerst die Fähigkeit zur nonverbalen Kommunikation – also Gestik, Mimik, Spiel, Bewegung, Gestlten, Geräusche – aufgebaut und in einem nächsten Schritt das Sprechen gewissermassen «trainiert». «Ich bereite mit dem Kind eine Situation vor, in der es sich vorstellen kann, ein Wort oder sogar einen Satz zu sagen», erklärt Meili. Sandro zum Beispiel ging allein zum Bäcker und kaufte ein Gipfeli. Ein Vorhaben, das so simpel klingt, den Bub aber einige Anläufe kostete bis er kaum hörbar sagen konnte: «Ein Gipfeli, bitte.»
Jedes Wort ein Sieg
Jedes Wort in fremder Umgebung ist ein kleiner Teilsieg gegen den Kloss im Hals. Diese Erfahrung machen auch die Eltern der knapp 6-jährigen Julia. Die Familie lebte einige Jahre im Ausland, wo die Kleine bereits eine englischsprachige Preschool besuchte. Ihr Englisch war zwar noch dürftig, hätte aber sicher für die Kommunikation mit den Gleichaltrigen gereicht. Doch sobald sie das Schulgelände betrat, verstummte sie. Weder mit der Lehrerin noch mit ihren Kameraden sprach sie auch nur ein Wort. Man könnte meinen, der Schulbesuch sei ihr ein Gräuel gewesen. Aber nein, erzählt Julias Mutter, ihre Tochter hätte sich jeden Morgen darauf gefreut. Umso unverständlicher war ihr das Verhalten der ältesten ihrer drei Töchter. Zudem war auch sie zu Hause ein aufgeschlossenes, fröhliches Kind. Julias Mutter versuchte es mit Druck oder mit Ködern, doch das Kind blieb stumm. Im hiesigen Kindergarten hat es das Mädchen geschafft, mit ihren Lehrerinnen – wenn auch sehr leise – zu sprechen. Mit ihren Gschpänli redet sie jedoch keine Silbe. Das stört die zum Glück nicht. Julia wird so akzeptiert, wie sie ist, und hat einige Freundinnen im Kindergarten, die sie gern besuchen. Und hier im geschützten Raum der Familie spielt sie ausgelassen mit den Kindern, plappert mindestens ebenso viel wie die anderen und kann durchaus «mal den Boss markieren», wie ihre Mutter sagt.
Verständnis ist wichtig
Sowohl Sandro als auch Julia haben Glück: Ihre Eltern haben Verständnis für ihre teilweise Stummheit, und in der Schule beziehungsweise im Kindergarten geht es ihnen gut. Weil sie eine Therapie machen, haben sie gute Chancen, ihre Stimme dereinst auch ausserhalb der Familie kräftig und selbstbewusst einzusetzen. Erika Meili: «Aus einem ehemals mutistischen Kind könnte dann sogar ein Radiosprecher werden.»
Regina Kesselring








