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Psychologie und Partnerschaft

Schwesterherz

Zwillinge trinken von einem Glas

Schwestern verbindet oft ein inniges Verhältnis. Trotzdem ist Rivalität dabei nicht ausgeschlossen.

Schwestern haben eine engere Beziehung zueinander als Brüder. Das ist eine Behauptung, die sich vielleicht nicht beweisen lässt; aber wer mit Frauen über ihre schwesterlichen Gefühle redet, hört nicht selten Geschichten inniger Verbundenheit. Wobei es im Kindes- und Jugendalter schon mal zu heftigen Konkurrenzkämpfen kommen kann.
«Meine kleine Schwester wollte mir alles nachmachen, das hat mich fürchterlich genervt», erzählt die 35-jährige Bigna, «sie bekam die gleiche Puppe wie ich, sie trug das gleiche Fasnachtskostüm, und als ich anfing, Gitarre zu spielen, musste sie das natürlich auch tun. Der Gipfel war erreicht, als sie sich einmal in den gleichen Jungen verliebte wie ich.» Heute, mehr als zwanzig Jahre später, ist von Neid und Rivalität keine Rede mehr. «Wir stehen uns sehr nah und telefonieren fast täglich.» Vor allem, seit die Mutter an Krebs erkrankt ist und beide Schwestern sich um sie kümmern, hat sich zwischen ihnen eine tiefe Vertrautheit entwickelt. «Ich bin unglaublich froh, dass ich mit ihr über alles sprechen kann», sagt Bigna, «ich glaube, das geht nur mit einer Schwester.» Was sie damit meint, ist: Keine beste Freundin hat diese gemeinsame Basis, gewoben aus unzähligen geteilten Erfahrungen von Kindsbeinen an. Selbst wenn Schwestern in ihrem Temperament und Charakter sehr unterschiedlich sind – die Wurzeln sind dieselben. Schwestern bleiben sich daher ein Leben lang verbunden.

Die Kleine und die Grosse

Sogar wenn die Liebe in Hass umschlägt, bleibt das Band erhalten. Das erlebt Julia gerade. Die 29-Jährige hat in einer Psychotherapie das schlechte Verhältnis zu ihrem Vater aufgearbeitet. Allein die Tatsache, dass sie zu einer «Psychotante» geht, hat die Eltern in Aufruhr versetzt und sie haben sich bei Julias älterer Schwester mehrfach darüber entsetzt gezeigt. «Seither bin ich wieder in die Rolle der kleinen Schwester gedrängt, die nichts auf die Reihe kriegt, die nur Probleme macht – und die vor allem die Eltern mit ungerechten Vorwürfen zum Weinen bringt.» Sie solle endlich erwachsen werden, hat ihre Schwester ihr gesagt, und dass sie nicht verstehe, wie sie so egoistisch sein könne. Julia hat das tief verletzt. Gerade weil sie gehofft hatte, in ihrer Schwester eine Verbündete zu finden in ihrem Abnabelungsprozess. Stattdessen schlägt die sich ganz auf die Seite der Eltern.

Ambivalente Gefühle

Die Kehrseite der engen Verbundenheit zwischen Schwestern: Wer sich so nah ist, kennt auch die gegenseitigen Schwachstellen und wunden Punkte genau und kann entsprechend verletzen. «Geschwister bedeuten tiefe Gefühle von Nähe, Verbundenheit, Liebe, Vertrautheit und Kooperation», sagt Prof. Jürg Frick, Psychologe und Geschwisterforscher von der Pädagogischen Hochschule Zürich, «aber auch ebenso starke Emotionen wie Eifersucht, Ablehnung, Entfremdung, Hass und Konkurrenz.» Geschwister vergleichen sich ständig. Umso mehr natürlich Schwestern unter sich. Mit keinem anderen Menschen, so Jürg Frick, würden sich Kinder mehr vergleichen als mit ihren Geschwistern. Dabei würden die Älteren von klein auf das Verhalten der Jüngeren beeinflussen. «Die Geschwisterbeziehung ist – neben der Eltern-Kind-Beziehung – unser intensivstes wie frühestes Lernfeld im Umgang mit ambivalenten Gefühlen von Liebe und Hass.»
Zumindest in jungen Jahren scheint die Ambivalenz typisch für die schwesterliche Liebe. In einem Moment zofft man sich, dass die Fetzen fliegen –, um kurz darauf kichernd und eng umschlungen zur Shoppingtour aufzubrechen. Meistens verlieren Rivalität und Neid an Bedeutung, je älter man wird. Vor allem in Krisenzeiten, zum Beispiel, wenn ein Familienmitglied krank wird, erweist sich die grosse Nähe zwischen Schwestern als Kraftquelle. «Uns hat der nahende Tod der Mutter extrem zusammengeschweisst», sagt Bigna, «wir stützen und trösten uns gegenseitig, wenn eine von uns traurig oder durch die Pflege überfordert ist.» Früher bekamen die Schwestern oft zu hören: «Ihr seid euch überhaupt nicht ähnlich.» Je nachdem, wer das sagte, war damit eine entsprechende, leise Bewertung der einen oder der anderen verbunden, die auch kränken konnte. Heute wissen die beiden es besser. «Wir sind aus dem gleichen Stall – und das vergisst man nie.» Blut ist eben doch dicker als Wasser.

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