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Reportage / Mutter-Kind-Haus

Baby da - Gefühle im Keller

Titelbild eine Mutter mit einem Baby

Endlich ist das Baby da. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. In den Krallen einer postnatalen Depression gehen Betroffene durch die Hölle. Im Mutter-Kind-Haus in Gempen finden erkrankte und erschöpfte Frauen Hilfe.

Gempen. Ein kleines Dorf am äussersten Zipfel des Kantons Solothurn, 676 Meter über Meer, 890 Einwohner, ein Dorfladen, fünf Restaurants und ein Aussichtsturm. Hier, an der Grenze zum Kanton Basel-Landschaft, befindet sich das Ita Wegman Mutter-Kind-Haus. Ein Haus für Mütter mit postnatalen Depressionen oder starken Erschöpfungszuständen. Es ist ein kalter Wintertag. Nebel umhüllt die Häuser und Bäume, Schnee liegt auf den Feldern. Es ist still.

Im Wohnzimmer des Siebenzimmerhauses lodert ein Feuer im Kachelofen. Gemütlich ist es hier, die Wände sind in Apricot und Gelb gestrichen, die Decken und Böden aus Holz. «Die Küche ist einer der wichtigsten Räume», sagt Katharina Guldimann, Leiterin des Mutter-Kind-Hauses. «Hier treffen wir uns, essen, plaudern, hier findet viel Gemeinschaft statt.» Denn sonst seien die Frauen viel mit sich selbst beschäftigt. Eine ausserordentliche Situation hat sie hierher gebracht, zusammengewürfelt, zufällig.

Auf dem Weg zurück ins Leben: Ilona Györfy

Auf dem Weg zurück ins Leben: Ilona Györfy.

Erschöpfte Mütter

Derzeit leben vier Frauen mit ihren Kindern hier. Damit ist das Haus voll belegt. Die Mütter sind zwischen 30 und 45 Jahre alt, die Gründe für ihren Aufenthalt unterschiedlich. Was sie verbindet ist die totale Erschöpfung und das Gefühl, nicht mehr weiter zu können. Weil zum Beispiel das dreijährige Kind seit Geburt nicht alleine einschläft. Oder weil zu den zwei Kindern noch ein Baby dazugekommen ist, Kinder, Haushalt und Teilzeitjob sowie schlaflose Nächte mehr als zu viel geworden sind.

Die Mütter bleiben so lange, wie sie es brauchen. Manche nur ein paar Tage zur Entlastung, andere ein paar Wochen.

Ilona Györfy ist eine von ihnen. Die 37-Jährige ist mit ihrer Tochter Gloria hier, wegen einer schweren postnatalen Depression. Gloria ist vier Monate alt. Für Ilona Györfy und ihr Baby ist heute ein besonderer Tag. Die Reisetasche steht gepackt bereit. Sie fahren nach Hause. Nach sechs Wochen. «Das Mutter-Kind-Haus war meine Rettung. Ich weiss nicht, was sonst geschehen wäre», sagt sie.

Ilona Györfy und ihr Partner leben in Baden, sie arbeitet in seinem Coiffeursalon mit. Gloria war ein Wunschkind. Die Schwangerschaft komplikationslos. Doch die Geburt des Babys war ein Schnitt in ein zuvor temporeiches und spannendes Leben mit Freunden, Ausgehen, Reisen. «Wir freuten uns auf eine schöne Geburt», sagt Ilona Györfy. Doch es kam anders. Sie liess sich von Ärzten zum Einleiten der Wehen überreden. Gegen ihre Überzeugung und die der Hebamme. Nach 24 Stunden heftigsten Wehen war der Muttermund lediglich ein Zentimeter offen. Sie verlor die Kraft und die Geduld. Mit ihrem Partner entschied sie sich für einen Kaiserschnitt . Obwohl die Ärzte sagten, sie müssten nur Geduld haben.

Nach dem Kaiserschnitt kämpfte Ilona Györfy mit Schwindel und Kreislaufproblemen. Sie verlor plötzlich viel Blut. Hektik brach aus. Das Neugeborene wurde weggebracht. «Ich hatte panische Angst zu sterben, ich hatte einen Schock, hatte mir alles so ganz anders vorgestellt», sagt die Frau. Die Blutungen hörten zwar auf. Doch Schwindel, Schwäche und Angst blieben. In den Tagen in der Klinik war sie müde. «Ich habe nur funktioniert. » Eine Hebamme, die merkte, dass es ihr nicht gut geht, hat ihr das Baby auf die nackte Brust gelegt, gehüllt in warme Decken. «Es war das erste Mal, dass ich Gloria so nah bei mir hatte. Ich habe sehr geweint und diesen Moment sehr genossen.»

«Rund 15 Prozent aller Mütter sind von einer postnatalen Depression betroffen», so Katharina Guldimann. Und: Es kann jede Frau treffen.

Oft bleibt die Erkrankung unbemerkt. Dies kann unter anderem dazu führen, dass die Mutter nicht mehr für das Kind sorgen kann, dass Paarbeziehungen zerbrechen. «Ich kann mir schon vorstellen, dass es eine Frau auch schafft, wenn die Krankheit unerkannt bleibt. Aber es ist ein schreckliches Leben», so Guldimann. Aussagen von Frauen wie «das hatte ich auch, ich wusste einfach nicht, was es ist», hört die Leiterin öfter. «Das sind Biografien von Müttern, Kindern und Vätern, die anders verlaufen wären, hätte man die Krankheit erkannt.» Die Anzeichen für eine postnatale Depression sind deutlich. «Es ist völlig normal, dass man in den ersten Tagen nach der Geburt den Babyblues hat, Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit und Appetitmangel. Auch Ängste und Unsicherheiten, dass man es nicht schafft, darf man haben», so die Leiterin. «Jedoch erdrückende Ängste, Panikattacken, bis zu starken negativen Gefühlen, sich selbst und dem Kind gegenüber, deuten auf eine Erkrankung hin», so Katharina Guldimann (siehe Infobox «Mögliche Symptome»). Viele Frauen essen und schlafen zudem über Wochen nicht mehr.

So war es auch bei Ilona Györfy. «Gloria weinte sehr viel. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil wir den Kaiserschnitt quasi erzwungen hatten. Vielleicht weint sie so viel, weil wir verhindert haben, dass sie den Weg der Geburt erleben konnte, dachte ich.»

Katharina Guldimann

Ilona Györfy sagt, sie sei durch die gute Pflege von Katharina Guldimann und dem Team gesund geworden.

Es sind Biografien von Menschen, die anders verlaufen wären.

Gefühl des Versagens

Sie schaut vor sich hin, still, nachdenklich. Die Kerze auf dem Tisch flackert leicht. Hinter der Tür hört man die Stimmen der anderen Frauen. Gelächter. Ilona Györfy erzählt weiter. Dass sie wegen des schlechten Gewissens das Baby ständig im Tragetuch hatte, ganz nah bei sich. Und dass sie sich das Leben mit dem Kind anders vorgestellt hatte. «Wir wollten weitermachen wie vorher, das Leben zu dritt geniessen.» Dass sie das Leben nun ganz neu sortieren musste, hat ihr grosse Mühe gemacht. Sie schlief kaum noch. Appetit hatte sie schon lange keinen mehr. Ilona Györfy nahm in sechs Wochen zehn Kilo ab. «Ich bekam Komplimente, was für eine tolle Figur ich schon wieder hätte, wie ich das mit der Kleinen gut machen würde», erzählt sie. Wenn sie sagte, dass sie viel weine, wenig schlafe, dass sie müde sei, meinten die Leute: «Das ist normal». Ihr Partner unterstützte sie, und er beruhigte sie: «Es kommt alles gut.» Das Angebot der Schwiegermutter, das Baby zu übernehmen, lehnte sie ab. «Ich hätte Gloria gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt.» Es war eine gewollte Isolation, sagt sie. Und sie fühlte sich immer mehr als totale Versagerin.

Der Nebel vor den Fenstern verdichtet sich, es wird dunkel, der Abend bricht herein. Im Mutter-Kind-Haus gehen die Lichter an. Die Kinder spielen im Wohnzimmer, zufrieden, die Mütter sitzen dabei, spielen mit, lesen oder unterhalten sich.

Ein Baby im Bettchen

«Auch die Kinder kommen hier zur Ruhe.»

Furchtbare Angst

Es war ein trüber Tag, als die erste Panikattacke über Ilona Györfy hereinbrach. «Mein Partner war für drei Tage verreist. Ich hatte furchtbare Angst. Was mach ich allein mit dem Kind? Was, wenn ich die Kontrolle verliere? Was, wenn ich ihr was antue? Es war, als hätte jemand mit dem Finger geschnippt, und ich war verrückt geworden.» Sie weint.

Die Schwiegermutter kam, und eine Freundin. Ilony Györfy legte sich ins Bett, apathisch. Wenn sie das Baby auf den Arm nahm, wurde ihr schlecht. Wollte sie ihm die Flasche geben, erbrach sie sich. «Ich verlor jegliche Kontrolle.» Eine Psychologin empfahl einen Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Königsfelden. «Niemals, da gehöre ich nicht hin», sei ihre Reaktion gewesen. Doch als ihr Partner ein paar Tage nach seiner Rückkehr zur Arbeit gehen wollte, sagte sie: «Bitte lass mich nicht allein mit ihr. Ich weiss nicht, was ich dann tue.»

Mit der Selbsteinweisung in die Klinik Königsfelden fand sie erstmals wieder etwas Ruhe. Nach zwei Wochen wurde eine Anschlusslösung in einer Mutter-Kind-Klinik diskutiert. Doch die Warteliste war lang. «Zudem hätte ich die Nachtbetreuung für Gloria übernehmen müssen. Ich traute mir das nicht zu», so Ilona Györfy. Dann erfuhren sie vom Mutter-Kind-Haus in Gempen. Mit ihrem Partner fuhr sie hin zu einem Gespräch. «Und ich wusste genau, das hier ist der richtige Ort für uns.»

Die ersten zwei Tage im Mutter-Kind- Haus wollte sie alles selber machen. «Ich wollte zeigen, dass ich ein gutes Mami bin.»

Dann kam der totale Zusammenbruch. «Katharina hat mich gehalten, und ich habe geweint, habe meinen Schmerz und meine Trauer rausgeschrien, darüber, was mit mir passiert ist. Ich konnte mich fallen lassen und wurde gehalten», so Györfy. Katharina Guldimann sagt, dass es oft so sei. «Nach ein oder zwei Tagen spüren die Frauen, dass sie jetzt loslassen dürfen. Das Kind ist bei ihnen, sie werden nicht getrennt. Für das Baby wird gesorgt, Tag und Nacht. Jetzt können sie trauern.» Der Anfang auf dem Weg zur Heilung.

Tagesziele werden in dem nach anthroposophischen Ansätzen geführten Haus mit jeder Frau individuell erarbeitet, je nach Bedürfnis. Angeboten werden gemeinsame Kinderbetreuung, ein gedeckter Tisch, gesundes Essen, Ruhe, Wickel, Kompressen, rhythmische Teil- und Ganzkörpermassagen, Pflege, Aufbau und Stärkung der Psyche und der Physis und völlige Entlastung. Neun Fachfrauen plus Aushilfen kümmern sich um die Frauen und deren Kinder. «Wenn es eine Mutter wünscht, üben wir mit dem Kind über Rituale regelmässige Tagesabläufe und Schlafzeiten ein», so Guldimann. «Regelmässigkeiten und Rituale machen das Leben mit Kindern einfacher. Und Kinder mögen Rituale, an ihnen können sie sich orientieren.»

Die Gemeinschaft hier unter den Frauen sei von grossem Wert. «Sie unterstützen sich gegenseitig, leben sich vor, dass man es schaffen kann. Denn viele Frauen glauben nicht daran, je wieder ganz gesund zu werden», sagt die Leiterin. Doch bis jetzt habe es jede Frau geschafft. Aber es ist ein langer Weg, der mit dem Austritt hier nicht zu Ende ist. «Wir besprechen gemeinsam mit dem Partner die Zeit danach. Was braucht die Frau zur Entlastung? Psychiatrische Spitex, einen Entlastungsdienst, Angehörige, die einspringen, eine ambulante Therapie?», so Guldimann. Und was braucht das Paar? Was die Männer? Sie sind ebenfalls Leidtragende, hineingerissen in den Strudel dieser Krankheit, die mit unvorstellbarer Wucht Leben verändert. «Bei Männern hinterlassen diese Geschichten genauso Spuren und Narben», so Katharina Guldimann.

Ilona Györfy sitzt am Tisch vor dem Fenster, durch das sie in den letzten Wochen den Wandel der Natur erlebt hat, erst den Herbst und dann, wie es Winter wurde. Vor ihr stehen zwei Babuschkas, eine grosse und eine kleine, Mama und Kind. Ein Geschenk, von ihrer Mutter. Es war die Ruhe hier, die Natur, der liebevolle Umgang und die Wärme der Menschen, die Pflege und die Zeit für sich, die sie geheilt haben. «Ich schaue Gloria an und kann Liebe empfinden. Ich habe sie bei mir, aber nicht mehr die ganze Zeit hautnah. Sie ist so ruhig geworden. Ich habe gelernt, mir Zeit zu nehmen. Für sie. Für mich. Für meinen Partner. Für uns.» Ilona Györfy lächelt. «Diese Zeit war auch für ihn sehr schwer», sagt sie. «Er war immer für mich da. Er hat an mich geglaubt. Wir sind uns jetzt noch näher.» Es war Blutmond, als sie ganz unten war und sich in die psychiatrische Klinik einweisen liess. «Heute gehen wir heim. Und es ist wieder Vollmond. Es hat sich alles zusammengefügt.»

Mütter und Kinder beim Spielen

Die erschöpften und kranken Mütter können für den Aufenthalt hier alle ihre Kinder mitnehmen.

Diese Geschichten hinterlassen auch bei Männern Narben.


Buchtipps:

  • Ich würde dich so gerne lieben; Brooke Shields
  • MutterSeelenAllein; Pascale Gmür, Atlantis Orell Füssli Verlag
  • Wie kann ich dich halten, wenn ich selbst zerbreche; Ulrike Schrimpf, Kindle Edition

Für Kinder mit depressiven Eltern:

  • Stella und die Ziegenwiese; Julia Hofstetter, Herzglut Verlag
  • Annikas andere Welt; Sigrun Eder, Petra Rebhandl-Schartner, Evi Gasser, Books on Demand
  • Was ist bloss mit Mama los; Karen Glistrup, Kösel Verlag

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