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Ein Mann freut sich über die Geburt seines Kindes

Geburt | Väter

Ich werde Papa

Erzählungen über den Gefühlszustand der schwangeren Frau füllen Bibliotheken. Wie aber fühlt es sich an, Vater zu werden? Unser Autor Reto Hunziker ist mit diesem Bericht schwanger gegangen. Exakt zehn Monate lang.

Es ist nicht wie im Film. Wir jauchzen nicht, fallen uns nicht um den Hals. Nein, es klingt eher nach einem freudigen «Aha, jetzt also», als auch der zweite Test einen zweiten Streifen erkennen lässt. Wir sind schwanger. Richtig gehört: wir. Auch auf den Vater kommt schliesslich einiges zu – heisst es. Obwohl ich mir wenig darunter vorstellen kann; austragen muss das Kind ja meine Freundin M., ich kann sie höchstens unterstützen so gut es geht, oder? Mit dem Vater-Sein werde ich mich noch ausführlich beschäftigen, so viel ist klar. Aber wie ist es eigentlich, Vater zu werden?

Mal ganz von vorn: Die Entscheidung, ein Kind in die Welt zu setzen, wollte für mich wohlüberlegt sein. Erstens war ich nicht sicher, ob ich die Freiheit, die einem 32-jährigen Junggesellen zusteht, ausgelebt hatte. Zweitens wohnten M. und ich noch nicht einmal ein Jahr zusammen. Und drittens hat sie ja schon einen fast neunjährigen Sohn aus erster Ehe: Ben. Gute Gründe, um mich nicht gleich ins grösste Abenteuer zu stürzen, das ich mir überhaupt vorstellen konnte. Erst ein kleiner Knirps öffnete mir die Augen – der Sohn von M.s Schwester. Noch kein Jahr alt, verspielt, herzig, einfach liebenswert. So etwas zu haben, wäre schön, stellte ich mir vor. Plötzlich war mein Widerstand gebrochen, wir setzten die Pille ab.

Schlaf schon mal vor

Wenige Wochen später ist die erste Hürde genommen: Schwangerschaftstest positiv. Doch damit beginnt die Zeit des bangen Wartens: Klappts? Bleibts? Am liebsten möchte ich mein zerbrechliches Glück in die Welt hinausposaunen. Andererseits will ich mich noch nicht zu stark darauf einlassen, man weiss ja nie. Mir pocht das Herz, als wir es leicht verfrüht unseren Eltern sagen: Da ist diese Freude, die raus will. Die Mitfreude, auf die man sich freut. Trotzdem der nagende Zweifel im Hinterkopf.

Gottlob geht alles glatt. M. ist sogar nur selten schlecht. Ich bin erleichtert, die Vorstellung, ihr die Haare zurückzuhalten, während sie sich über die Kloschüssel beugt, war mir ein Graus.

12. Woche, 1. Termin beim Frauenarzt, ich gehe mit, schaue dem Gynäkologen beim Ultraschall scheu über die Schulter, erkenne am Bildschirm Ärmchen und Beinchen und ein Hirn, das nicht mal die Hälfte des engen Schädelraumes einzunehmen scheint. Ein Querschnitt durch das Wesen, das meine Freundin und ich zusammen kreiert haben – sehr surreal, denke ich.

Die Nackenfalte ist nicht zu breit, so weit, so gut. Wir könnten noch etliche weitere Tests machen, verzichten aber darauf. Läge es nur an mir, liesse ich vielleicht noch mehr abklären – um mich abzusichern. Ich mag keine Überraschungen. Andererseits wollen wir ein Kind und kein Ikea-Schrank- Modul. Irgendwo in mir drin ist auch diese Gewissheit: Alles kommt gut. Und ich sage mir: Das ist dein Kind, ohne Wenn und Aber.

Kaum wissen andere, dass ich Vater werde, prasselt ein ganzer Schwall von Verheissungen auf mich ein. «Du wirst schon sehen, was das mit dir macht», «Wart nur ab, du wirst ein ganz anderer Mensch sein», «Schlaf schon mal vor». Alles gut gemeinte Ratschläge, mit denen ich leider nichts anfangen kann. Noch nicht.

Trotzdem, ich will mich auf das Bevorstehende vorbereiten, von dem ich weiss, dass es sehr einschneidend sein wird. Also lese ich zwei Ratgeber: «Mann und Vater sein» von Jesper Juul. Und «Babys brauchen Väter» von Richard Fletcher. Mein Fazit: Ich weiss, dass ich nicht viel zu wissen brauche. Ich bin ein aufmerksamer und einfühlsamer Mensch, der gut analysiert und kaum überreagiert. Höre ich sowohl auf Gefühl und Verstand, kann fast nichts schiefgehen. Wenn Experten sagen, was man selber eh schon denkt, verlässt man sich gerne darauf.

Weniger Sex, mehr TV

Während ich gelassen dem entgegenblicke, was noch kommt, stellt sich bei M. langsam Angst ein. Sie hatte bei Bens Geburt das sogenannte HELLP-Syndrom, eine Schwangerschaftsvergiftung, und davon ist eine traumatische Erinnerung geblieben. Sie befürchtet, dass sich der Vorfall wiederholen könnte und sie oder das Kind diesmal nicht mit dem Leben davonkommt. Der Arzt sagt: Das neue Erbmaterial verringert das Risiko auf eine Wiederholung. Ich sage: Es kommt schon gut. Aber gutes Zureden tilgt die Angst nicht: Hat sie Bluthochdruck oder Kopfschmerzen, verkrampft sie sich gleich. Ich selbst fürchte mich vor viel profaneren Dingen wie wenig Schlaf, pausenlosem Geschrei, davor, das Kind hässlich zu finden, es fallenzulassen, ihm unbeabsichtigt das Genick zu brechen, kaum noch Sex und dafür 18 Jahre keine Ruhe mehr zu haben, mit meiner Verantwortung nicht umgehen zu können oder unter vollen Windeln begraben zu werden. Auch vor der Reaktion meines Stiefsohns Ben habe ich Respekt. Was, wenn er mit seiner «Degradierung» nicht zurechtkommt, nicht akzeptieren kann, dass sich nicht mehr alles nur um ihn dreht? Wird er Eifersuchts- und Wutanfälle haben? Oder wird er sich rührend um sein Geschwisterchen kümmern?

2. Termin beim Arzt, wir sind in der 16. Woche. Auf dem Ultraschallbild erkenne ich die Zehen. Der Rücken ist nicht offen. Meistens verstehe ich nicht, wovon M. und der Arzt reden. Von Thrombozyten höre ich zum ersten Mal. Ich sitze also eher unbeteiligt da. Vor lauter Fragen weiss ich nicht, was fragen, ausser vielleicht «Könnten Sie mir das alles mal erklären?» Und dann fuhrwerkt der Arzt auch noch mit grotesken Instrumenten an meiner Freundin herum. Es ist befremdend, ja leicht beschämend. «Ich bin zufrieden mit Ihrem Kind», sagt der Arzt am Ende. Aha, alles gut.

«Komisch», sagt M. nach dem Arzt-Besuch, «ich habe etwas 15 Zentimeter Langes in mir drin und spüre nicht mal etwas.» Ich kann mir das «that's what she said» und das Gelächter obendrein nicht verkneifen.

Aber Schluss mit lustig. Ich muss zum Amt, zur vorgeburtlichen Vaterschaftsanerkennung. Ohne Frau, dafür mit Identitätskarte lasse ich beglaubigen, dass ich der Vater des Ungeborenen im Bauch meiner Freundin (nicht anwesend) bin. Eine äusserst abstrakte Begebenheit. Aber es passt.

Unsere Beziehung hat sich bis zu diesem Zeitpunkt nur geringfügig verändert: Wir haben weniger Sex, schauen mehr fern, sie schläft auf der Couch ein, im Bett schnarcht sie und ich habe noch weniger Platz als sonst. Die biologischen Zwänge, die auf M. einwirken, machen sie zu einer Befindlichkeits-Maschine: «Ich bin müde/hungrig, mir ist kalt/übel, ich könnte den ganzen Tag essen/schlafen/aufs Klo» – solche Sätze machen einen grossen Teil unserer Konversation aus. Trotzdem bin ich nach wie vor überrascht, wie reibungslos alles bis jetzt läuft.

Nase, Öhrchen – alles ist da.

3. Termin: 20. Woche: Kleinhirn, vier Herzkammern, Schamlippen, Nieren, Länge: 25 cm. Es ist also ein Mädchen. Wer hätte das gedacht. Ich jedenfalls nicht. Immer, wenn ich mir mein Kind vorstellte, sah ich einen kleinen Jungen. Vielleicht hat das mit dem Trieb zu tun, sein Erbmaterial zu verbreiten. Ich ging davon aus, dass mein Kind ein kleines Abbild von mir sein wird. Eine Kopie, ein Mini- Me. Jetzt wird es also eine Mini-She. Damit muss ich mich erst einmal anfreunden. Kleine Mädchen sind mir bisher nie aufgefallen (komisch, dass da so ein anrüchiger Ton mitschwingt). Darum beobachte ich jetzt vermehrt Mädchen (da, schon wieder). Was tun die so? Wie sind die so? Worüber sprechen sie? Worüber lachen sie? Ich werde ein wenig unsicher: Ich habe Frauen noch nie verstanden, wie soll das jetzt bloss werden?

Die Tage sind bestimmt von Nesttrieb und Stimmungsschwankungen. Wir kaufen erste Kleidli (kein Rosa, sage ich), bestellen die Wickelkommode, die ich zusammenbaue. Ich übe mich darin, Verständnis zu haben. Und träume von Babys. Ein Traum ist sehr konkret: Das Baby ist da, es ist ein Junge, also doch, schön. Er spricht, er widerspricht, ach. Ich wache auf und denke: Ein Mädchen ist doch ganz lässig.

4. Termin: 24. Woche: 500 Gramm. Zum ersten Mal macht der Arzt einen 3D-Ultraschall. Eindrücklich, wie kindlich dieses Wesen schon aussieht. Nase, Öhrchen, alles da.

M. beschäftigt sich stark mit ihrer Figur. Was darf sie essen? Wie kann sie sich noch sportlich betätigen? Ich halte ihr die Hand auf den Bauch. Sie sagt: «Schau! Fühl mal!» Wir entscheiden uns, einen Konkubinatsvertrag aufzusetzen und eröffnen ein gemeinsames Konto. Wir streiten auch, wegen Nichtigkeiten oder – immer wieder – wegen Ben.

Manchmal wünschte ich, ich könnte denselben Prozess durchlaufen wie sie. Ich hätte gerne schon diesen starken Bezug, diese Innigkeit, auch wenn sie mit Ängsten und Nebenwirkungen verbunden wäre. Stattdessen beschränkt sich meine Beziehung zu meiner Tochter auf ein Abtasten: Ich bin ihr nur so nahe wie ein Verurteilter im Hochsicherheitstrakt seinem Zellennachbarn. So aussen vor wie ich bin, käme ich nicht auf die Idee, einen Kinderwagen zu beschaffen oder zu evaluieren, welches Spital für uns geeignet wäre. Vielleicht bin ich auch zu faul. Mit dem Hintergedanken «Der grosse Knall wird noch kommen», versuche ich, diese Galgenfrist noch zu geniessen.

Kochen, Trösten, Prellbock spielen

Dass M. schon ein Kind hat, ist sicher ein Vorteil. Damit hat wenigstens einer von uns eine Idee, was auf uns zukommt. Auch von der grossen Tristesse der zerschlagenen Zweisamkeit bleiben wir wohl verschont – wir sind ja schon zu dritt. An alles Administrative hat sie längst gedacht: Kinderarzt, Krippenplatz, Krankenkasse. Während ich immer noch glaube, ein Baby brauche lediglich Milch und saubere Windeln.

Wir besuchen den Informationsabend für werdende Eltern am Universitätsspital Zürich. Ein Hörsaal voller fleischgewordener Ängste – und ihrer Begleiter. Ist bei der Geburt ständig ein Arzt anwesend? Was passiert bei einem Dammriss? Die Frauen fragen, die Männer nicken. Mir selbst bringt der Anlass nicht viel, zumal ich den Ärzten blind vertraue. Muss ja, selbst können wir das Baby nicht entbinden.

5. Termin: 28. Woche: Wir erkennen Elle und Speiche, die Nabelschnur hat einen leichten Rücklauf. Das ist gut. Und ich habe meine Aufgabe beim Frauenarzt gefunden: Ich denke jeweils an den USB-Stick, auf den der Arzt später die Ultraschall-Bilder kopiert.

Natürlich muss auch langsam ein Name her – aber so einfach ist das nicht: Wir wollen keinen Namen von der Stange, einen solchen, wie ihn jetzt jeder hat, weil es gerade trendy ist. Aber auch keinen arg ausgefallenen, der extra aus der Reihe tanzt. Unsere Kriterien: Unsere Tochter soll ihren Namen möglichst nie buchstabieren müssen. Er darf nicht in der Hitparade der letzten fünf Jahre stehen. Er soll kurz sein und sie soll nicht der erste Mensch auf der Welt sein, der ihn trägt. Schnell haben wir uns auf einen Favoriten geeinigt und verschweigen ihn eisern.

6. Termin: 30. Woche. Die Durchblutung der Gebärmutter ist in Ordnung, dadurch verringert sich das Risiko einer verfrühten Geburt. Der Arzt fragt: «Und wie geht es Ihnen? » Ich: «Gut. Ich bin erstaunt, wie unbeschwert bis jetzt alles lief.» Er: «Glauben Sie bloss nicht, Sie werden verschont.»

Da M. immer noch sehr gut funktioniert, ertappe ich mich häufig dabei, wie ich nicht sonderlich zuvorkommend bin. Ich lerne auch, dass es Dinge gibt, die man Schwangeren nicht sagen sollte. Oder Frauen generell. Ich helfe aber doch, so gut es geht: Sachen tragen, Unterhaltung beschaffen, kochen, trösten, gut zureden, den Bauch fühlen, massieren, Prellbock spielen. Oft bin ich die Stimme der Vernunft: «Übernimm dich nicht! Mach mal wieder Pause! Sag besser mal Nein! Lass mich das machen!» Meine Meinung muss ich nicht unbedingt durchsetzen. Das wäre ja so, als würde ich einem Autofahrer, der mich freundlicherweise in die Stadt fährt, vorschreiben, welche Route er zu nehmen hat.

Ich merke aber auch, dass ich ein wenig distanziert bin. Dieser Schwebe-Zustand dauert nun schon zu lange an. Diese Freude auf das Ungewisse vermag mich nicht neun Monate lang auszufüllen. Ich habe mich schon so an das Warten gewöhnt, dass jenes Ereignis, das ich sehnlichst erwarte, in die Ferne gerückt ist. Absurd.

Die Beziehung zu meinem Kind beschränkt sich auf ein Abtasten.

Füllhorn an Frauenhass

Und ja, ich fühle mich etwas ausgeschlossen. Das macht der Gefühls- und Wissensvorsprung, den die Schwangere gegenüber dem Nicht-Schwangeren hat. Ein Vorsprung, den man nicht so leicht aufholt. Ich brauche ihn wohl auch nicht unbedingt aufzuholen. Es ist völlig okay, einmal der zu sein, der keine Ahnung hat – glaube ich zumindest. Wenn das Kind dann da ist, werde ich noch früh genug meine Aufgaben zugeteilt bekommen. Bis dahin ist es meine Sache, mich für das Ungeborene zu interessieren. Und die Sache meiner Freundin, auch mal etwas zu delegieren.

7. Termin: 35. Woche. Die Bewegungen des Babys werden registriert und gemessen, wie oft der Bauch hart wird. Mir wird bewusst, wie strapaziös die ganze Sache für M. ist. Meine Beschwerden beschränken sich auf das Moralische, Kognitive und Emotionale – was schon schwer genug ist. Bei ihr kommt der Körper noch dazu. Manchmal würde ich aber auch gerne mit ihr tauschen.

Eigentlich war es schon länger klar, dass es wieder ein Kaiserschnitt wird, wie bei Ben. Es ist die sicherere Variante bei dieser Vorgeschichte. Das lässt auch der Arzt durchschimmern. Für uns stimmt das. Für viele andere offenbar nicht. M. wird von wildfremden Frauen gefragt, wie sie gebäre. Beim Wort Kaiserschnitt reagieren sie schockiert und fragen: wieso denn? Ich ahne, dass sich noch ein ganzes Füllhorn an Frauenhass über mich ergiessen wird, wenn ich mal etwas nicht so mache, wie es andere für richtig halten.

Noch zwei Wochen, sagt sie. Maximal. Und ich wiederhole für mich: zwei Wochen. Es ist seltsam: Einerseits bin ich ungeduldig, will, dass sich jetzt endlich dieser fleischige Vorhang vor meiner Tochter lüftet. Andererseits habe ich Angst vor dem Point of no return. Davor, dass das Leben nie mehr so sein wird wie vorher. Könnte ja sein, dass ich mich später nach diesem Leben ohne Kind sehne.

Es wird sich vermutlich gleich verhalten wie beim Leben nach dem Tod: Wenn es soweit ist, dann gibt es nur noch diesen Zustand und das Bewusstsein dieses Zustands. Der einstige Zustand ist vergessen und das Bewusstsein des einstigen Zustands weg. Dann werden wir es spüren, wie es ist und wissen, was wir zu tun haben. Im Jetzt werden wir jedoch nie auch nur eine Ahnung davon bekommen können.

Ein weiterer ehrfürchtiger Gedanke: Ich werde einem Menschen so wichtig sein, wie es meine Eltern für mich waren und sind. Fast schon ein Leistungsdruck.

Ich könnte jetzt die Tage zählen bis zum Termin. Aber das würde nichts bringen. Gut möglich, dass es schon vorher losgeht. Und bereit werde ich mich ohnehin nicht fühlen. Tatsächlich hat M. immer wieder Vorwehen und weiss nicht, wie sie sie deuten soll. Ich hoffe insgeheim, dass alles nach Plan läuft und wir nicht vor dem programmierten Termin ins Spital fahren müssen. Es würde alles so gut aufgehen: Dank Ferien, Vaterschaftsurlaub und zuvorkommendem Arbeitgeber hätte ich ab Kaiserschnitts-Termin dreieinhalb Wochen Zeit für meine Familie. Da, wieder ein Schreckmoment. Das Kind bewegt sich nicht mehr, hat seit Stunden nicht mehr geboxt. Wir gehen zum Arzt. Er gibt Entwarnung. Schon jetzt ist schwierig abzuschätzen, was normal ist und was nicht, was vorsichtig und was überängstlich. Ich sehe es als meine Aufgabe, zu beruhigen und zu relativieren.

Abstrakt. Das ist das Wort, das diese neun Monate zusammenfasst. Es ist für mich, als Erzeuger eines Wesens, das sich im Bauch meiner Freundin entwickelt, höchst abstrakt. Ich werde nicht geweckt von den Bewegungen des Babys, ich werde nicht getreten, ich habe keine Heisshungerattacken, ich leide nicht. Klar ist es schön, meine flache Hand auf den Bauch zu halten und zu fühlen, dass sich darunter etwas bewegt. Aber es ist dasselbe Erlebnis, das sogar Fremde haben können, die genug dreist sind, M. ungefragt die Hand aufzulegen. Mein Exklusivitäts-Status beschränkt sich darauf, von anderen beglückwünscht zu werden. Und M. zu helfen, weil ich ihr alles eingebrockt habe.

Dann ist es soweit: Frühmorgens fahren wir ins Spital, erst jetzt bin ich aufgeregt und würde doch gern alles nochmals aufschieben – nur ein paar Tage. Der Kaiserschnitt ist – unromantisch: Zehn Personen in grünen Gewändern stehen im OP um M. herum. Als sie meine Tochter aus ihrem Bauch heben, spähe ich kurz über den Sichtschutz. Ich sehe Blut, Haut, ein kleines Häufchen Leben, als sähe ich durch ein Fernglas. Das vertalgte Geschöpf wird uns schnell gezeigt und dann ins Nebenzimmer gebracht, wo es untersucht wird. Nicht mal die Nabelschnur kann ich durchtrennen. Nichts ist wie im Film. Erst nach über einer Stunde halte ich meine Tochter im Arm. Ronja.

Es ist noch immer höchst unwirklich. Aber ich glaube, langsam beginne ich zu begreifen. Ich freue mich auf die ersten vollen Windeln, vielleicht wird es dann endlich konkret.

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