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Familie / Trennung

«Eine Beziehung muss konstant gepflegt werden»

Ein Mädchen hält sich die Ohren zu, während im Hintergrund die Eltern streiten

Guy Bodenmann sieht in einer guten Partnerschaft eine Kostbarkeit fürs Leben.

wir eltern: Den Kindern zuliebe zusammenbleiben – reicht das als Grund, um eine Beziehung aufrechtzuhalten?

Guy Bodenmann: Nein, den Kindern zuliebe sollte ein Paar nicht zusammenbleiben, wenn es ihm nicht gelingt, ein konstruktives Familienklima zu schaffen. Kinder leiden unter chronischen Spannungen zu Hause massiv und zeigen häufig stärkere Verhaltensauffälligkeiten, wenn die Eltern über längere Zeit Konflikte schwelend oder aggressiv austragen, als infolge der Scheidung selber. Kinder sind aber ein weiterer Grund dafür, dass man eine Beziehung nicht vorschnell beenden, sondern sorgfältig ausloten sollte, ob man mit professioneller Hilfe nicht doch noch eine Verbesserung der Partnerschaftsqualität erlangen kann.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, um zu sagen: Wir trennen uns?

Häufig trennen sich Paare, weil sie sich auseinandergelebt haben und Entfremdung zwischen den Partnern eingetreten ist. Emotionale Distanz, enttäuschte Erwartungen, Auseinanderentwicklung. All dies hat mit einem zu seltenen «Updating» zu tun. Die Partner versäumen es häufig aufgrund des hektischen Alltags mit seinen diversen Stressoren, an der Entwicklung des anderen teilzuhaben, sich für ihn zu interessieren. Die Folge davon ist, dass man sich aus den Augen verliert, man die Entwicklung des anderen nicht wahrnimmt und Unverständnis auftritt.

Es gibt Studien, die belegen, dass eine Bindung zwischen zwei Partnern nur auf etwa vier Jahre ausgelegt ist – sich lebenslänglich an jemanden zu binden ist also zumindest nicht der Plan der Natur.

Nein, dem ist nicht so. Bindungen sind immer auf Dauer angelegt, da es zu aufwendig ist, sich immer wieder neu emotional intensiv auf andere Menschen einzulassen. Eine stabile Bindung zum Partner entspricht einem Grundbedürfnis des Menschen. Das Problem ist entsprechend nicht, dass man dieses Bedürfnis nicht hätte, sondern die Frage, wie man diesem Wunsch auf Dauer entsprechen kann.

Könnten Trennungen vermieden werden, wenn sich gesellschaftspolitisch ein paar Dinge ändern würden, um junge Familien zu entlasten?

Strukturelle Verbesserungen der aktuellen Situation der Familie sind wünschenswert. Sie alleine schaffen aber nicht die Voraussetzungen für eine glückliche und stabile Partnerschaft. Hierzu braucht es neben Kompetenzen – Kommunikation, Problemlösung, gemeinsame Stressbewältigung – vor allem auch Commitment und eine konstante Pflege der Beziehung.

Kommt es vor, dass Paare vor Ihnen sitzen, bei denen Sie gleich bei der ersten Therapiesitzung denken: «No Chance, die werden nicht mehr zusammenfinden»? – Wenn ja, an welchen Parametern machen Sie das fest?

Ein Indikator für dieses Szenario ist, wenn die Frau keine Energie mehr hat, um für die Partnerschaft zu kämpfen. Frauen sind häufig die Motoren für positive Veränderungen in Beziehungen, da sie auf Missstände hinweisen, die Probleme erkennen und zur Bewältigung Anstoss geben. Stossen sie damit auf taube Ohren beim Partner, kommt es allmählich oder abrupt zum Rückzug und schliesslich zur Aufgabe der Partnerschaft. Wenn Paare in diesem Zustand in Therapie kommen, ist es bereits zu spät.

Befragt man Paare vor einer Trennung, geben die meisten an, dass sie weiterhin einen respektvollen Umgang miteinander pflegen wollen. Leider aber kommt es oft anders: Beschimpfungen, Kontaktverweigerungen etc. – warum kommt es trotz gut gemeinten Absichten dennoch soweit?

Trennungen sind in aller Regel schmerzhaft. Es geht damit ein Lebensentwurf zu Ende, den man sich wünschte und der einem in der Regel viel bedeutet hat. Damit sucht man häufig nach Schuldigen und Gründen dafür, dass es nicht funktioniert hat. Der Partner ist dabei eine beliebte Zielscheibe, da es Menschen allgemein leichter fällt, die Schuld beim anderen zu sehen, als die eigenen Anteile am Problem zu erkennen. Hinzu kommt, dass es häufig schwierig wird, den Kontakt zum Expartner weiterhin positiv zu gestalten, wenn neue Partner ins Spiel kommen.

Durchlaufen alle Paare, die sich trennen, ähnliche Trennungsphasen?

Ja, vielfach findet man solche Phasen. Zuerst kommen häufig Unglauben, Desillusionierung, Schock und Verzweiflung auf. Auf diese Gefühle folgen Gefühle wie Zorn und Wut, Selbstzweifel, Traurigkeit, Angst und Hilflosigkeit. Später folgt in der Regel eine Neuorientierung mit Hoffnung, Erleichterung und im besten Fall Versöhnung mit dem Schicksal. Die Reaktionen werden zusätzlich davon beeinflusst, ob man der Initiator der Scheidung war, wie überraschend die Scheidung kam, welche Alternativen man hat und ob auch Kinder davon betroffen sind.

Für zerschlissene Beziehungen ist eine Trennung oft ein Befreiungsschlag, für Kinder hingegen nur ein schmerzvoller Schicksalsschlag – wie bekommt man es dennoch hin, dass Kinder unter der Trennung ihrer Eltern nicht allzu sehr leiden müssen?

Scheidung der Eltern. Diese Situation sollte man nicht beschönigen. Beeinflussen können die Eltern jedoch, wie stark und wie lange sie leiden. Günstig ist, wenn die Eltern die Scheidung möglichst konstruktiv gestalten, die Kinder in den Prozess einbeziehen, sich erklären – damit das Kind sich selber keine Schuldzuschreibungen und Vorwürfe macht – und versuchen, auch nach der Scheidung einen angemessenen Umgang miteinander und dem Kind zu pflegen. Je besser die Beziehungsqualität zwischen allen dreien ist, desto günstiger die Effekte für das Kind. Entscheidend ist dabei, ob die beiden Eltern die Scheidung akzeptieren und sich versöhnen können.

Laut Expertenmeinungen werden Beziehungen, egal ob glückliche oder unglückliche, in gesellschaftlichen Krisenzeiten stabiler. Wenn es uns also «scheisse» geht, halten wir eher an einer Beziehung fest?

Ja, denn in Krisenzeiten versucht man, nicht noch mehr Krisenherde zu schaffen und sucht Stabilität, Halt, Geborgenheit und Unterstützung in der Partnerschaft.

Welchen Rat geben Sie der Mehrheit Ihrer Klienten auf den Weg?

Man sollte eine Partnerschaft nicht voreilig beenden, sondern prüfen, ob mit eigenen Anstrengungen oder mithilfe von Paarberatung nicht doch noch eine Verbesserung erzielt werden kann. Die Paarbeziehung gehört zu den wichtigen Kostbarkeiten im Leben, ihr sollte man besondere Sorge und Pflege angedeihen lassen. Die Lebenszufriedenheit sowie das psychische und physische Befinden hängen stark von der Beziehungsqualität ab. Entsprechend sollte man in die Partnerschaft investieren und sie nicht vorschnell auf den Kehrichthaufen der Geschichte werfen.


Guy Bodenmann ist Professor für klinische Psychologie an der Universität Zürich und Spezialist für Paar-, Familien- und Stressforschung.


Buchtipp:

Bodenmann, Guy & Fux, Caroline (2013). Was Paare stark macht. Zürich: Beobachter Edition. www.paarlife.ch (Kurse zur Pflege der Partnerschaft)

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