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Illustration Patric Sandri

Schwangerschaft / Alkohol

Der Fötus trinkt mit: Alkohol ist Gift für das Ungeborene und schädlicher als Heroin

Werdende Mütter meiden alles, was auch nur irgendein Risiko fürs Baby bergen könnte. Doch ums «Gläschen in Ehren» wird gefeilscht. Warum eigentlich?

Das Baby trinkt immer mit. Auch den Feierabend-Drink zur Entspannung.

Schwangere sind übervorsichtig. Meist. Denn im Meer der Ängstlichkeit rund um Frau und Fötus gibt es offenbar eine Insel der Nonchalance: das Gläschen in Ehren.

Doch das sollte besser vom Tisch.

Jährlich werden in der Schweiz 745 Kinder mit schweren geistigen, körperlichen oder neurologischen Schäden durch Alkohol geboren. Kinder mit FAS, dem Fetalen Alkohol Syndrom. Oft kommen sie mit zu kleinen Köpfen und Augen, flachem Näschen und auffallend dünner Oberlippe zur Welt, mit Sprech- und Hörstörungen, stark verminderter Intelligenz und auffälligem Verhalten. Nur 10 Prozent von ihnen werden jemals ein selbstständiges Leben führen können. Drei- bis viermal so hoch liegt die Zahl derjenigen, die unter alkoholbedingter Konzentrationsschwäche leiden, einem schlechten Gedächtnis, unter Gefühlsausbrüchen, Verhaltensstörungen, Lernschwierigkeiten ...

Geschädigte Zellen

Im Nachbarland Deutschland sollen es zwischen 4000 und 10 000 Kinder pro Jahr sein. Eins von 300 Babys zeigt Nebenwirkungen des Alkohols, der mitsamt seinem Abbauprodukt Acetaldehyd ungehindert die Plazenta passiert, in den Blutkreislauf des Ungeborenen gelangt und beim Fötus die Zellen schädigt. Manche Forscher schätzen sogar, dass eins von 100 Kindern aufgrund des «Gläschens in Ehren» Einbussen bei ihren Fähigkeiten haben.

Exakte Zahlen gibt es nicht, die Dunkelziffer ist hoch. Fest steht aber: Durch keine Ursache kommen mehr Kinder krank zur Welt als durch Alkohol in der Schwangerschaft. Vermeidbar kranke Kinder.

Lukas, Gisela Michalowskis ältester Sohn, ist eines davon. Jahrelang rätselten seine Eltern, was wohl mit ihrem Pflegekind nicht stimmen könnte. Im Kindergarten spielte er nicht mit den anderen, hatte kaum Freunde, vergass ständig etwas, hielt sich an keine Regeln und war er so richtig wütend − was oft vorkam − erbrach er einfach auf die Person, die ihn geärgert hatte. Zack. «Ewigkeiten wurde Lukas auf ADHS behandelt. Aber das hat überhaupt nichts gebracht», erzählt Gisela Michalowski. Erst als die Michalowskis 10 Jahre später ihre beiden Pflegetöchter bekamen, die mit ihren vier Monaten und anderthalb Jahren das Vollbild FAS zeigten und ein bisschen wie Trisomie- 21-Kinder aussahen, stellten die Eltern Parallelen zum Sohn fest. «Klar angesprochen hatte das vorher aber niemand», erzählt Gisela Michalowski. Im Hintergrund quengelt jetzt Pflegekind vier, auch ein FAS-Kind: «Wir lieben unsere Kinder von ganzem Herzen, sie sind toll – aber deutlich nicht so wie andere Kinder.»

Wir lieben unsere Kinder, sie sind toll – aber deutlich nicht so wie andere Kinder.

Nichts schönreden

Gisela Michalowski ist Sozialarbeiterin, Vorsitzende des Vereins «FASD-Deutschland» und Fan klarer Worte: «Die Kinder sind krank. Sie haben Behinderungen, weil ihre Mütter in der Schwangerschaft getrunken haben. Da ist nichts schönzureden.» Eines ihrer Mädchen lebe jetzt wegen akuter Selbstgefährdung, Ritzen und starker Depressionen im Heim. Suizid ist eine der häufigsten Todesursachen der Betroffenen, enge Betreuung ein Muss. Zusatzkosten von 700 000 Euro pro FAS-Kind entstehen durchschnittlich bis zu dessen 18. Geburtstag durch Therapien, Fremdunterbringungen und medizinischen Support. In Amerika beliefen sich 1998 die Gesamtkosten von FAS auf vier Milliarden Dollar.

Ein weiteres Risiko sei, dass Frauen in den ersten drei Monaten ihrer Schwangerschaft manchmal noch gar nichts von dem kleinen Bewohner in ihrem Bauch wüssten, erklärt Marion Mönkhoff, Klinikchefin der Neonatologie am Spital Zollikerberg in Zürich. «Aber auch gleich zu Anfang bilden sich beim Ungeborenen schon wichtige Gehirnteile, Organe und Gliedmassen aus ...» Exakte Richtlinien und Grenzwerte, welche Menge Alkohol, wann und zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft welche Wirkung habe, und wie gross das umstrittene «eine Glas» sein dürfe, gebe es bislang nicht. «Das sorgt für viel Unsicherheit bei dem Thema.»

Russisches Roulette

Reinhold Feldmann ist kein bisschen unsicher. Der Psychologe an der Universitätsklinik Münster, Leiter der FAS Ambulanz an der Tagesklinik Waldstedde und führender FAS-Forscher Deutschlands, ist in seiner Haltung unmissverständlich: «Schwanger Alkohol zu trinken, ist wie russisches Roulette zu spielen.» Die gängige Meinung, lediglich die ersten drei Monate seien gefährlich, anschliessend sei ein Weinchen hier und ein Prosecco dort nicht mehr so schlimm, hält er für baren Unsinn. «Risikoreich sind die ersten neun Monate. In den letzten Wochen der Schwangerschaft tut sich bei der Entwicklung des Ungeborenen schliesslich ungeheuer viel und ungeheuer viel kann Schaden nehmen.»

Und was ist mit der Alltagsweisheit, ein vergiftetes Baby niste sich gar nicht erst ein und ginge innerhalb der ersten Wochen ab? «Das ist Quatsch. In den ersten paar Tagen mag das richtig sein. In den ersten Tagen, nicht Wochen!» Überhaupt geistere rund ums Trinken reichlich Unfug durch die Köpfe. Etwa das Klischee, zu viel Alkohol korreliere mit zu wenig Geld und zu wenig Bildung, Alkoholbabys kämen nur in sozialen Brennpunkten vor. «Falsch», sagt Reinhold Feldmann. «Alkoholprobleme ziehen sich durch alle Schichten. Bei besser Gestellten heisst es allerdings, der Champagner am Morgen belebe lediglich den Kreislauf…» Kämen Kinder privilegierter Familien dann mit trinkbedingten Beeinträchtigungen zur Welt, gäbe es ja hilfreiche Internate. «Und der Alkoholschaden wird lieber ADHS genannt.»

Arbeiten wie Männer, ausgehen wie Männer – schlucken wie Männer?

Heuchelei in der Gesellschaft

Manchmal kann Reinhold Feldmann gallig werden. Der heuchlerische Umgang mit Bier & Co, das «Schmuddel-Image» von DEN Trinkern, die ja so ganz anders sind als man selbst, obwohl fast jeder trinkt, macht seine Arbeit oft zu einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Das kann zuweilen frustrieren.

Laut Erhebung des Robert-Koch-Institutes genehmigen sich 14 Prozent der Schwangeren regelmässig Wein, Sekt oder Bier. Die Metastudie an 400 Einzel-Forschungen des Centers of Addiction and Mental Health in Toronto spricht von 26 Prozent; eine Umfrage der Berliner Charité von 2002 gar von 58. Zehn Prozent der trinkenden Schwangeren, so die Schweizerische Fachstelle für Alkoholprobleme, giessen sich zwei- bis viermal im Monat ein Glas ein. Zwei Prozent stossen mehrmals wöchentlich an.

Wer will schliesslich Spassbremse sein in einer Gesellschaft voller Feierabend-Drinks, dem Bierchen zur Entspannung und Wein zum Nachtessen? Besonders junge, kluge und erfolgreiche Frauen legen – entgegen aller Smoothie-, Rohkost- und Yoga Gesundheitstrends − beim Alkohol zu.

Öffentlich statt heimlich

Schliesslich arbeiten sie wie Männer, gehen aus wie Männer − warum dann nicht auch tüchtig schlucken wie die? Doch während Männer im Alter von 25 Jahren am meisten in sich hineinschütten, steigt der Alkoholkonsum bei Frauen bis zum Alter von 40 Jahren kontinuierlich an. Dazwischen liegt die Phase, in der sie schwanger werden.

«Ob Frauen heute wirklich mehr trinken als früher, das weiss ich nicht», sagt Margot Matthis, Chefärztin der Frauenfachklinik für Suchterkrankungen Wysshölzli in Herzogenbuchsee. «Vielleicht trinken sie nur nicht länger wie früher heimlich zu Hause, sondern öffentlich.» Ins Wysshölzli kommen Frauen, wenn der Alkohol ihr Leben im Würgegriff hat. Hier sollen sie lernen, sich daraus zu befreien, ihren Alltag wieder selbst zu gestalten. Am besten ohne Alkohol. Ein paar vielleicht mit ab und an einem Glas.

«Keinem Glas in der Schwangerschaft allerdings», sagt Margot Matthis und ist sich mit Reinhold Feldmann vollkommen einig. «Nein, auch kein Schlückchen», findet der Münsteraner Wissenschaftler. «Denn seien wir mal ehrlich: dieses Schlückchen ist doch lebensfremd. Kennen Sie jemanden, der eine Flasche Bier aufmacht, ein Schlückchen trinkt und den Rest wegschüttet? Na, bitte.»

Feilschen um Schlückchen und Gläschen nervt Reinhold Feldmann ähnlich wie das Gemäkel, man dürfe niemanden bevormunden, bloss niemandem reinreden. Tatsachen zu benennen, das ist für ihn keine Bevormundung, sondern Pflicht. «Und eine Tatsache ist: Wir kennen derzeit kein schlimmeres Gift für Ungeborene als Alkohol. Heroin-Babys leiden nach der Geburt zwar unter Entzugserscheinungen. Aber sie können sich erholen und normal entwickeln. Alkohol-Babys bleiben lebenslänglich geschädigt.»

Bei Gisela Michalowski quengelt ihr jüngstes FAS-Kind jetzt lautstark. Es hat Hunger, es mag nicht mehr warten, es schnieft. Das Stimmchen wird weinerlich wie von einem Kleinkind. 11 Jahre ist es alt.

Illustration Patric Sandri

«Die Kinder leben mit einer Behinderung»

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