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Work is King

König im Anzug

Was hat der abgelehnte Vaterschaftsurlaub mit dem Tod von Ex-Zurich-CEO Martin Senn zu tun? Eigentlich nichts. Aber irgendwie doch.

Es war knapp, aber dennoch hat der Nationalrat Ende April eine parlamentarische Initiative abgelehnt, die einen zweiwöchigen bezahlten Vaterschaftsurlaub gefordert hatte. WTF?! Ein Monat später ist eine Volksinitiative gestartet, die einen Babyurlaub von 20 Tagen verlangt. Dankeschön, immerhin. Wir haben schliesslich 2016. Väter bringen sich heute viel stärker ins Familienleben ein, kümmern sich um die Kinderbetreuung, das Familienleben ist gleichberechtigter geworden. Trotzdem hinken wir Schweizer diesbezüglich hinterher: Unser Land leistet sich eine Armee für rund fünf Milliarden Franken pro Jahr, verbittet sich aber zwei Wochen Zeit für frisch gebackene Väter (die Verantwortlichen der Volksinitiative schätzen die Kosten auf 400 Millionen Franken pro Jahr – für 4 Wochen Urlaub). Hä?! Wie?!

Ähnlich reagierte ich auch 2012, als die Initiative für 6 Wochen Ferien mit über 66 Prozent abgelehnt wurde. Was?! Wir wollen also nicht mehr Ferien?! Klar ging es da auch darum, dass etwas geregelt wird, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer besser untereinander aushandeln. Trotzdem ist die Stossrichtung klar: Die Arbeit ist wichtiger als alles andere. Wichtiger als Kinder. Wichtiger als Erholung. Wichtiger als du! Du bist schliesslich ein Teil des Ganzen und mitverantwortlich dafür, dass die Wirtschaft floriert. Also hör auf zu meckern und zu fordern und «schaff».

Komisch, an diesem Diktat stösst sich wiederum kaum einer. Als Mann, der 60 Prozent arbeitet, ob mit Kindern oder ohne, wirst du immer wieder gefragt: Warum arbeitest du nicht 100 Prozent? Wo eigentlich die Gegenfrage viel plausibler wäre: Warum arbeitet ihr nicht weniger? Klar, in einem Teilzeitpensum Karriere zu machen, ist schwieriger, in gewissen Bereichen sogar unmöglich und man verdient weniger Geld. Aber wer hat denn eigentlich entschieden, dass das jetzt das Wichtigste ist für alle?

Zeit ist Geld, heisst es. Und die meisten verstehen darunter, dass man seine Zeit möglichst nutzen sollte, um Geld zu verdienen. Aber dass Zeit wertvoll ist und ergo luxuriös, Zeit für sich zu haben, diesen Umkehrschluss wollen viele nicht begreifen. Wir sprechen seit Jahren von der Work-Life-Balance, die Mehrheit versteht darunter jedoch, ausnahmsweise mal ein Wochenende keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Derweil explodiert die Burn-Out-Quote, Depressionen und CEOs und Ex-CEOs von Grosskonzernen nehmen sich das Leben. Korrelation oder Kausalität?

Ich weiss, das ist alles kein bisschen fundiert, total unwissenschaftlich und überhaupt nicht belegt. Aber es ist so ein Gefühl. Und hin und wieder auf ein Gefühl zu hören, kann glaube ich nicht schaden. Ja, ich denke, es wäre für viele nicht schlecht, sie würden sich ab und an wieder einmal fragen: Hat die Arbeit in meinem Leben nicht zu viel Gewicht?

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